1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Gardelegen

Abscheulicher Fall: Gardelegens Schöffengericht verurteilt 45-Jährigen zu Gefängnisstrafe

Erstellt:

Von: Stefan Schmidt

Kommentare

Gerichtsgebäude von außen
Ein 45-Jähriger muss ins Gefängnis. © Stefan Schmidt

Weil er im Internet zu Sex mit einer ahnungslosen Frau aufrief, muss ein 45-Jähriger nun in den Knast.

Gardelegen – Es ist Donnerstag, 28. April. Ein 45-jähriger Mann, alleinstehend und unscheinbar, betritt einen Elektrofachhandel in der Region. Kauft einen Laptop. Zahlt um 13.34 Uhr etwas mehr als 200 Euro.

Tags zuvor wurde dieser Mann vom Landgericht Stendal nach einer zuvor sechsmonatigen Untersuchungshaft zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, aber freigelassen. Weil er manipulierte pornografische Fotos einer ehemaligen Arbeitskollegin ins Internet gestellt hatte. Unter ihrem echten Namen, aber ohne ihr Wissen. Mit der Aufforderung, sie in den Wald zu zerren, zu fesseln und Sex mit ihr zu haben.

Mit dem soeben erworbenen Laptop geht er kurz danach auf dieselbe Internetplattform, aktualisiert manipulierte Fotos, fordert in ihrem Namen erneut zum Sex mit ihr auf.

Derweil erfährt die Gestalkte, eine berufstätige Mutter, von der Freilassung ihres Peinigers – sechs Monate lang, während er eingesperrt war, herrschte Ruhe auf besagtem Internetforum. Nun bemerkt sie, dass er, kaum auf freiem Fuß, wieder online ist. Und jetzt sogar ihre echte Adresse, ihren Arbeitgeber („Wir waren mal Arbeitskollegen, kannten uns aber nur vom Sehen“) und sogar, wann sie Feierabend hat, ins Internet stellt. Sie schaltet ihre Anwältin ein, die Polizei durchsucht wenige Tage später seine Wohnung, wird fündig. Er kommt wieder in Untersuchungshaft, der erneute Prozess gegen ihn fand am Mittwoch vor dem Gardelegener Schöffengericht statt.

Der Angeklagte schweigt. Und so muss die Geschädigte aussagen. Fast eine Stunde lang, teils unter Tränen, mehrfach stockt sie. „Lassen Sie sich bei ihrer Aussage alle Zeit der Welt“, beruhigt sie Richterin Kirsten Döring-Jeske.

Die Frau spricht von Panikattacken, Schlafstörungen („Man kann seine Träume ja nicht beeinflussen“) und Männern, die tatsächlich schon vor ihrer Tür gestanden hätten, mit offenbar eindeutigen Absichten. Sie gehe nicht mehr alleine aus dem Haus, jogge nicht mehr, nehme immer Taschenlampe und Pfefferspray mit. Sie verbietet ihrer Tochter, einem Teenager, die Tür zu öffnen – aus Angst, ein Fremder könnte ins Haus eindringen.

All das hört sich der Angeklagte stoisch an, die Hände vor sich gefaltet. Er sagt keinen Ton, spricht nicht mal mit seiner Pflichtverteidigerin. Nach ihrer Aussage verlässt die Geschädigte sofort den Gerichtssaal, ohne Blickkontakt zu ihrem Peiniger.

„Sie haben sich nichts, aber auch gar nichts zu Herzen genommen“, sagt die Anwältin der Geschädigten in ihrem Plädoyer angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte direkt nach seiner Freilassung aus der U-Haft gegen die Bewährungsauflage, sich keinen Internetzugang zu verschaffen, den Laptop kaufte und wieder von vorne anfing. Sie forderte ebenso eine Haftstrafe wie die Staatsanwältin – die Verteidigerin plädierte hingegen auf Freispruch, weil „die Tat nicht nachgewiesen werden kann“.

Nach einstündiger Beratung verurteilt das Schöffengericht den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten – der 45-Jährige befindet sich seit Mai bereits erneut in U-Haft. Das Urteil lautet unter anderem auf „Nachstellen in besonders schwerem Fall“ – warum er es gerade auf die ehemalige Arbeitskollegin abgesehen hatte, zu der offenbar nie ein persönlicher Kontakt bestand, blieb während des Prozesses völlig im Unklaren. „Ihre Rückfallgeschwindigkeit ist immens“, betont die Richterin. Und dass bislang immerhin niemand seiner Aufforderung zur Vergewaltigung nachgekommen sei.

Wortlos wird der nun Verurteilte wieder abgeführt. Diesmal nicht mehr in U-Haft. Sondern direkt ins Gefängnis.

Auch interessant

Kommentare