Es geht um Beleidigung und Gewaltandrohung

42-Jähriger in Gardelegen vor Gericht: „Sie sind mir so ´ne Marke“

Das Amtsgericht Gardelegen
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Wegen „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten“ saß ein 42-jähriger Mann vor dem Richter am Amtsgericht Gardelegen.
  • Stefan Schmidt
    VonStefan Schmidt
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Ein 42-jähriger Mann wurde direkt aus dem Gefängnis ins Amtsgericht Gardelegen gebracht.

Gardelegen. Er wusste nicht mehr weiter. Wollte einen Entzug. Dem Alkohol entsagen. Also rief ein Mann am 8. Januar dieses Jahres – seinem 42. Geburtstag – bei der Polizei in Gardelegen an. Sie sollte ihn sofort nach Uchtspringe fahren.

Weil eine solche Einweisung aber nicht so einfach geht, wurde der Anrufer beleidigend. Die Polizisten bezeichnete er als „Spacken“ und „Muschis“, eine Polizistin beleidigte er mit einem Wort aus dem untersten Fäkal-Vokabular, das man eher – wenn überhaupt – auf dem Pausenhof von pubertierenden Sechstklässlern als von einem vierfachen Vater hört. Auch wegen dieses Vergehens stand der gebürtige Stendaler vor wenigen Tagen vor dem Gardelegener Amtsgericht. Ein weiterer Tatvorwurf: Er rief abermals bei der Polizei an – diesmal am 2. September 2020, abends um 20.50 Uhr – und drohte mit einem Massaker. Er werde „alle umbringen“, werde „Amok laufen“ und einem Nachbarn „ein Loch in den Hals stechen“, kündigte er am Telefon an.

Doch auch Nachbarn des damals im Raum Gardelegen wohnenden Mannes blieben nicht verschont. Wenn nochmal ein Geräusch „aus diesem Drecksfenster“ ertöne, so brüllte er am 19. August 2020 nachts um 1.30 Uhr herum, werde er „die Bude abfackeln“. Er habe „30 Liter Sprit im Keller“, drohte er lauthals.

Täglich getrunken

All das – und manches mehr – warf ihm die Staatsanwältin vor. Der Angeklagte, der direkt aus dem Knast in Halle vorgeführt wurde und den Gerichtssaal in Handschellen betrat, gab die Taten auch zu. Er sei damals dauernd besoffen gewesen, habe „täglich getrunken“. Beginnend oft schon mittags „mit einer Flasche Wodka und einer Flasche Rum – manchmal auch anderthalb“. Derzeit sitzt er für ein halbes Jahr ein und nicht zum ersten Mal. Diesmal, weil er eine gegen ihn verhängte Geldstrafe nicht hatte zahlen können. „Und warum nicht?“, wollte Richter Axel Bormann wissen. „Weil ich obdachlos war.“ Was sein im Gerichtssaal anwesender Bewährungshelfer bestätigte. Seit April und bis zum 5. Oktober – da holte ihn die Polizei ab – sei er ohne festen Wohnsitz gewesen, schlief auch mal zwei Nächte unter Heizungsrohren in einem Stendaler Gewerbegebiet, habe „einen heruntergekommenen Eindruck“ hinterlassen.

Doch es war auch mal anders. Zehn Jahre lang war der 42-Jährige nicht aktenkundig, hatte eine Lebenspartnerin, man bekam zwei Kinder. Dann die Trennung. Und der erneute Absturz. Sei der Angeklagte nüchtern, so konstatierte der Bewährungshelfer, sei er eigentlich umgänglich und nett. Aber eben nur ohne Alkohol.

Fazit von Richter Bormann: „Sie sind mir so ´ne Marke...“ Und las das Vorstrafenregister vor: Seit 1998 – da war der Angeklagte 19 Jahre jung – sind da 16 Eintragungen aufgeführt. Und mehrere Gefängnisaufenthalte.

„Säuft der auch?“

Zuletzt lebte der Angeklagte bei seinem bereits erwachsenen ältesten Sohn. Zu ihm habe er nun wieder Kontakt. „Säuft der auch?“, fragte ihn Bormann unumwunden. Nein, antwortete der Mann auf der Anklagebank, „er will nicht so werden wie ich“.

Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer eine zehnmonatige Freiheitsstrafe, ohne Bewährung. Der Richter folgte dem Antrag nicht ganz. Sein Urteil: Acht Monate, auf Bewährung.

Beim Verlassen des Gerichtssaals forderte der Richter die Justizangestellten, die dem Verurteilten erneut Handschellen anlegten, auf: „Ab in die Grüne Minna.“ Denn der Prozess vor dem Gardelegener Amtsgericht war nicht das einzige Verfahren gegen den 42-Jährigen an diesem Tag. Knapp anderthalb Stunden später musste er sich vor dem Amtsgericht Stendal verantworten.

Der Tatvorwurf: Beleidigung.

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