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Von der Braut, die gar nicht weiß, dass sie sich traut…

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Tolles Bild: Mit rund 120 Gästen feierten Kerstin und Michael Becker ihre Trauung an der Jagdhütte bei Wiepke.

Wiepke - Von Gesine Biermann. Eines ist sicher: Kerzen brauchten sie nicht. Die Braut, die da in Wiepke vor dem Altar stand, strahlte selbst wie die Sonne. Und womöglich hätte auch der zuständige Oberförster ein ernstes Wörtchen mitzureden gehabt, wenn dort in der „Kirche“ plötzlich jemand mit offenem Feuer hantiert hätte. Denn die „Wände“ waren samt und sonders aus massivem Holz, das Dach die Krone einer uralten Buche. Im Wiepker Wald, gleich neben der Forsthütte, gab am Freitag Kerstin Becker ihrem Mann Michael ihr Ja-Wort. Am selben Morgen noch war sie völlig ahnungslos…

Eigentlich hatte sie ja immer kirchlich heiraten wollen. Vor 25 Jahren, als sich das Wiepker Paar zum ersten Mal traute, war es „nur“ ein standesamtliches Ja, dass sie sich vor der Gardelegener Standesbeamtin gaben.

Immer mal wieder hatte Kerstin Becker das bedauert. Auch gegenüber ihrem Mann. Aber natürlich nicht ihr Eheversprechen selbst – Beckers sind seit 25 Jahren glücklich verheiratet und haben drei tolle Kinder – sondern den fehlenden kirchlichen Segen.

Nun stand der Termin der Silberhochzeit ins Haus. Und genau das brachte Michael Becker auf eine bezaubernde Idee: Eine kirchliche Trauung nach 25 Jahren. Als Geschenk für seine Frau. Und zwar eines, das sie erst am Silberhochzeitstag „auspacken“ darf.

Doch nun ist das mit so einer Hochzeit, auch innerhalb der kirchlichen Regularien, keine so einfache Geschichte. Da sind Gespräche vorgeschrieben. Und zwar mit beiden Eheleuten. Schließlich müssen ja beide Ja sagen. Und wenn die Zeremonie dann auch noch am „Lieblingsplatz“ der Braut stattfinden soll, nämlich an der romantischen Jagdhütte, mitten im Wald nahe Wiepke, dann sind sogar noch weitere Genehmigungen nötig. Und dann war ja da auch noch das logistische Problem. Denn weit mehr als 100 Gäste wurden erwartet. Wie würde man die in die „Kirche“ bringen? Zudem wollte Michael Becker seine Frau zu Pferd vor den Altar (ent)führen. Beide sind zwar passionierte Reiter, haben selbst Reitpferde im Stall, doch kann frau mit langem Kleid und hohen Schuhen reiten?

Sie kann. Und sie sagte natürlich auch Ja. Zunächst ein verdutztes und amüsiertes aber dennoch sehr überzeugtes „Ja“ noch an der Kaffeetafel, vor allen Verwandten, Freunden und Bekannten. „Ja, ich würde Dich wieder heiraten. Mit allen Ecken und Kanten, ohne wenn und aber.“

Und dann standen da plötzlich zwei gesattelte Pferde vor der Tür. Die Reiterhose passte glücklicherweise unter den langen Rock. Und so ließ sich die Silberbraut auch spontan zu einem kleinen Ausritt überreden. „Wir kommen ja gleich wieder!“

Doch die Gäste, die sich schon aufmachten, den Pferden nachzuwinken, wurden von Tochter Linda und Sohn Franz energisch zurückgewunken. „Nicht gucken! Aufsteigen!“ Der Kremserwagen stand schon bereit. Autos wurden gestartet. Alles brach auf ins Ungewisse. Das Ziel allerdings war nicht weit entfernt. Innerhalb kürzester Zeit war die „Kirche“ gefüllt. Alles wartete nur noch auf den Bräutigam und die Braut…

Die allerdings wusste immer noch nichts von ihrer bevorstehenden Trauung. Nur der Po tat ihr schon ein bisschen weh, vom langen Ritt. Und eine Pferdebremse stellte sich als uneingeladene Begleitung ein. Dann aber wurde deren Summen plötzlich von Jagdhörnern übertönt. Und hinter der nächsten Wegbiegung bot sich Kerstin Becker ein überwältigendes Bild: ein Spalier aus rund 120 Menschen, ein Altar unter Bäumen und davor Pfarrer Christoph Neumann, welcher der Ankunft, insbesondere der der Braut, wohl sicher ebenso gespannt entgegensah wie selten in seiner Amtszeit. Denn noch stand schließlich nicht fest, ob es ein Gottesdienst zur Silberhochzeit oder eine echte Trauung werden würde.

Kurz gesagt: Es wurde eine Trauung. Und zwar eine wunderschöne, sehr feierliche, mit einem Jagdhornbläserchor „anstelle einer Orgel“, mit Hochzeitsgästen, die während der ganzen Zeremonie stehen mussten und damit überhaupt kein Problem hatten. Mit vielen fröhlichen Kindern, die beim Warten aufs Brautpaar schon ein großes Herz mit „K+M“ in den Waldboden gemalt hatten und mit einer Braut – wie schon erwähnt – , die strahlte wie alle Kerzen dieser Welt.

Dass die Trauringe – heimlich besorgt – dem Bräutigam zu klein und der Braut zu groß waren – „Ihren ersten hat sie vor Jahren schon im Stall verloren“ – störte die beiden überhaupt nicht. Und für das Ja brauchten sie nicht einmal das Mikrophon, das Christoph Neumann samt Verstärker vorsorglich mitgebracht hatte. Schließlich war es nicht seine erste Hochzeit unter freiem Himmel.

In anderer Hinsicht war es aber sogar für ihn eine Premiere: Er habe schon viele Trauungen vollzogen, versicherte Neumann schmunzelnd. „Aber eine, bei der die Braut vorher von nichts wusste, hatte ich auch noch nie!“

Und auch noch ein weiteres unsichtbares Detail, gab es vielleicht noch nie zuvort: Eine Braut, die die ganze Zeit über ihre Reithose unter dem Rock trug.

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