Aus dem Gericht

Bewährungsstrafe: 43-jähriger Irrfahrer von Hemstedt war im Drogenrausch

Auf diesem Acker am Dorfrand von Hemstedt endete am 21. Oktober die Fahrt des 43-Jährigen, er unter Drogeneinfluss insgesamt zwölf Autos rammte und beschädigte. Gestern wurde er vom Amtsgericht Gardelegen verurteilt.
+
Auf diesem Acker am Dorfrand von Hemstedt endete am 21. Oktober die Fahrt des 43-Jährigen, er unter Drogeneinfluss insgesamt zwölf Autos rammte und beschädigte. Gestern wurde er vom Amtsgericht Gardelegen verurteilt.

Gardelegen / Hemstedt – Der 43-jährige Irrfahrer vom 21. Oktober, der während der damaligen Nachmittagsstunden zwischen Klötze und Hemstedt insgesamt zwölf Autos gerammt hatte, ist gestern vom Amtsgericht Gardelegen zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verwurteilt worden.

Wichtiger: Er muss sich in Therapie. Denn während der Fahrt stand er unter Drogen.

Die Kinder hatten Herbstferien. Und so fuhr Familie A. aus Brandenburg im Oktober an die Ostsee in den Urlaub. Auf der Rückfahrt ging es durch die Altmark. In Salzwedel wurde eine Pause eingelegt und Baumkuchen gekauft, dann ging es weiter gen Heimat über die B 71. Der Vater am Steuer, die Mutter auf dem Beifahrersitz, die beiden sechs und neun Jahre alten Kinder hockten hinten.

Hinter Estedt dann Stau. Baustelle. Ampel. Mehrere einheimische Autofahrer biegen links ab und wollen über Laatzke ausweichen. Familie A. hinterher. Hinter Laatzke geht es weiter über einen Kolonnenweg bis zur Berger Ziegelei. Als ihnen plötzlich ein Auto entgegenkommt. „Es kam dicht auf uns zu“, erinnert sich der 44-jährige Familienvater, der ausweichen muss, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Der Fahrer: Markus H., 43 Jahre alt. Wie sich später herausstellt: Zugedröhnt. Seit Tagen. Mit Crystal Meth.

Auch mit Polizeihubschraubern wurde der Flüchtige an jenem Tag gesucht. Er hatte zuvor mehrere Tage lang die Synthetik-Droge Crystal Meth konsumiert.

Markus H. rammt nicht das Auto der Familie aus Brandenburg, sondern den Wagen einer 54-jährigen Ackendorferin, die dem Stau ebenfalls ausweichen will. Danach rast er auf einen Acker, wendet und überholt die Autokolonne. Überholt auch die Familie aus Brandenburg. Bremst dann abrupt ab und zwingt damit alle zum Halt. „Ich dachte erst, der will uns zu verstehen geben, dass wir da nicht langfahren dürfen, auf diesem Feldweg“, erzählt der Vater aus Brandenburg. Doch da irrt er sich.

Markus H. steigt stattdessen aus. Hat einen zwei Meter langen Eisenring in der Hand. Geht zum Auto mit dem Brandenburger Kennzeichen. Holt wortlos aus. Und drischt auf die Windschutzscheibe ein. Genau in Augenhöhe des Fahrers, der noch abwehrend die Hände hebt, um sich und seine Familie zu schützen. Seine Frau schreit, die Kinder erzittern. Dabei habe der Täter „einen sehr klaren Blick“ gehabt, „er wusste genau, was er tat.“ Anschließend steigt der Eindrescher wieder in sein Auto ein, während der Familienvater „komplett voller Spiltter“ ist – die neben ihm sitzende Ehefrau ist „völlig fertig“, die Kinder verängstigt. „Und wir standen da mitten in der Feldmark, da waren nur Bäume und Gras.“ Markus H., der gestern vom Gardelegener Amtsgericht verurteilte Täter, fährt derweil davon.

Bevor die Polizei kommt, kümmern sich Einwohner aus dem benachbarten Laatzke um die Opfer. Später kommen Notfallseelsorger dazu. Die beiden Kinder, die die Eisenring-Attacke mit ansehen mussten, schlafen seitdem nicht mehr im eigenen Zimmer, sondern im elterlichen Ehebett. Trockenes Fazit des Familienvaters: „Die Altmark hat mich geprägt.“

Markus H., der Angeklagte, blickt derweil zum Zeugen. Er, der damals unter Drogeneinfluss stand, tagelang offenbar ziellos duch Norddeutschland und auch durch die Niederlande irrte („Der Weg ist das Ziel“), immer wieder die Synthetik-Droge Crystal Meth zu sich nahm, war damals offenbar im Drogenrausch und litt unter Verfolgungswahn. „Was wollten sie überhaut in unserem Beritt?“, wollte Richter Axel Bormann wissen. Er habe vorgehabt, „alle 16 Bundesländer in diesem Jahr abzufahren“ und „auf einmal“ sei er eben in der Altmark gewesen. Im Sommer hatte der Diplom-Ingenieur mit Abitur, abgeschlossenem Studium und gut bezahltem Job – knapp 4000 Euro netto monatlich – gekündigt. Er fühlte sich durch das coronabedingte Homeoffice offenbar beruflich unterfordert. Dass ihm an jenem Mittwochnachmittag bei Laatzke die Familie aus Brandenburg auf einem Feldweg entgegegenkam, war purer Zufall. Er fühlte sich durch die anderen Fahrzeuge „verfolgt“ („Der Mob will mich stellen“) und wollte, dass eben dieser Wagen mit den vier Insassen nicht weiterfahren konnte. Deshalb der Schlag gegen die Windschutzscheibe. „Aber ich wollte keinen töten“, versichert er. Dass in dem Auto Kinder saßen, habe er nicht bemerkt und dies tue ihm auch aufrichtig leid. Der Angeklagte will sich beim Familienvater dafür entschuldigen: „Es ging mir nicht um die Menschen, die da drinnen saßen.“

„Es kommt jetzt alles wieder hoch“

Im Anschluss braust Markus H. weiter nach Lüffingen und Hemstedt, rammt dort weitere Fahrzeuge. Fast im Minutentakt sagen gestern weitere Geschädigte aus, Richter Axel Bormann („Und weiter geht die schnelle Fahrt“) ruft sie nacheinander auf. Dann betritt eine 44-jährige Mutter den Gerichtssaal. Sie war mit ihrem Sohn an jenem Tag auf dem Weg zur Tochter, die aus der Kita abgeholt werden musste. Aus Gardelegen kommend, befimdet sie sich kurz vor Hemstedt, als ihr der Irrfahrer entgegen kommt – auf ihrer Spur. Sie bremst ab, er bleibt stehen. Rammt ihr Auto und schiebt es rückwärts Richtung Straßengraben. „So ein Verhalten kennt man nur aus dem Fernsehen“ erklärt sie, während der Richter die sichtlich aufgewühlte Mutter („Es kommt jetzt alles wieder hoch“) beruhigen muss.

Ganz zum Schluss sagt S. aus. Der 60-Jährige ist seit vier Jahrzehnten Polizist und hat an jenem Nachmittag Dienst, als er bei Hemstedt auf Markus H. trifft – im wörtlichen Sinne. Denn der Drogenfahrer rammt das zivile Polizeiauto. Und das gleich zweimal, ehe er, von zwei Polizeifahrzeugen umringt, auf einen Acker ausweicht und dort mit dem Wagen stecken bleibt. Drei Polizisten umstellen das Fluchtfahrzeug, der erfahrene S. übernimmt das Kommando. „Der darf den Acker nicht mehr verlassen“, weist er seine Kollegen an. Als Markus H. im Auto sitzen bleibt und offenbar keine Anstalten macht auszusteigen, zückt S. seine Dienstwaffe und schießt. Zweimal. Einmal trifft er die Felge, danach einen Reifen. Damit der Wagen fahruntüchtig ist. Dann nimmt S. „die Pistole als Hammer“ und schlägt die Seitenscheibe ein. Plötzlich bemerkt ein Kollege Blut am Körper des Gestellten: Ein dritter Schuss aus der Dienstwaffe von S. hatte sich, offenbar unbemerkt, gelöst. Wie das geschehen konnte, wird derzeit in einem polizeiinternen Ermittlungsverfahren gesondert untersucht. Markus H. erleidet einen Lungendurchschuss, Polizist S. ordert einen Hubschrauber, der den Schwerverletzten in die Uni-Klinik Magdeburg fliegt, wo er mehrere Wochen verbleiben muss.

Auf S. ist der Angeklagte nicht gut zu sprechen. Das sei „ein Vogel“. sagt er aus, „völlig durchgedreht.“ Richter Axel Bormann widerspricht energisch: Besagter Polizist, den er seit fast 30 Jahren bei Verhandlungen als Zeuge vor Gerichf kenne, sei „ein absolut ruhiger und besonnener Beamter“. Und dennoch: „Aufgewühlte Spinner“ seien die Uniformierten gewesen, so Markus H., die Altmark scheine, was die Polizei angehe, „nicht so die kompetente Region“ zu sein, ätzt der Angeklagte. Aussagen, die die Staatsanwältin kurzzeitig überlegen lassen, den Angeklagten zusätzlich wegen Beamtenbeleidigung anzuklagen. Sie lässt es dann aber doch sein.

Am Ende kommt noch ein Sachverständiger zu Wort, der Direktor eines Zentrums für Psychiatrie. Der Angeklagte sei zwar „klug und belesen“, verhalte sich aber oft, „als ob er angefeindet werde“. Sein exzessiver Drogenkomsum führe zu einer „wahrhaftigen Verleugnung der realen Verkehrssituation“, er leide dann unter „Verfolgungswahn.“ Und Abschließend: „Ohne Therapie ist er eine Gefahr.“

Richter Axel Bormann verkündet nach fast fünfeinhalbstündiger Verhandlung das Urteil: Der Angeklagte muss eine stationäre Therapie machen. Binnen drei Monaten für mindestens ein halbes Jahr. Darüber hinaus erhält er eine zwölfmonatige Bewährungsstrafe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare