„Betrieb war in einer Falle“

Die neuen Geschäftsführer bei AKT in Gardelegen: Andrew Seidl (l.) und Bernhard Schrettle. Der Betrieb ist mit aktuell 1007 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Altmark und der größte Automobilzulieferer in Sachsen-Anhalt.

Gardelegen - von Stefan Schmidt. Am Dreikönigstag hat der größte Arbeitgeber in der Altmark, die Altmärker Kunststoff Technik (AKT) aus Gardelegen, Insolvenz beantragt (wir berichteten). Die neue Geschäftsführung, der Insolvenzverwalter und Landes-Wirtschaftsminister Reiner Haseloff sind aber dennoch optimistisch, was die Zukunft des Großunternehmens angeht.

Es war alles mit heißer Nadel gestrickt. Landes-Wirtschaftsminister Reiner Haseloff verlegte einen Termin bei Bundes-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Und als er sowie die beiden neuen Geschäftsführer von AKT, Andrew Seidl und Bernhard Schrettler, gemeinsam mit Insolvenzverwalter Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger gestern im Konferenzraum des größten Arbeitgebers in der Altmark zu einer Pressekonferenz einluden, fehlten noch die Namenskärtchen, die eiligst nachgereicht wurden. Die Nachricht vom Insolvenzantrag durch AKT sorgt nicht nur bei der 1007-köpfigen Belegschaft, so Betriebsrats-Vorsitzender Gerhard Hottowitz, für Unruhe. „Das Wort Insolvenz hat immer einen etwas negativen Beigeschmack“, weiß auch Schulte-Kaubrügger der seit Donnerstag Insolvenzverwalter ist.

Und doch: Er und die neue Doppel-Geschäftsführung sowie der Wirtschaftsminister glauben an die Zukunft von AKT. Aufträge seien „bis unter die Decke vorhanden“, so Schulte-Kaubrügger. Haseloff hatte gestern, unmittelbar vor dem Pressetermin, noch mit Niedersachens-Ministerpräsident David McAllister telefoniert. Er ist im VW-Aufsichtsrat, das Land Niedersachsen ist Anteilseigener bei Volkswagen. Und das Wolfsburger Unternehmen ist Hauptauftraggeber für AKT. Aus erster Hand sollte McAllister über die Insolvenz des größten Automobilzulieferers Sachsen-Anhalts erfahren. Und dazu beruhigt werden

Denn es gebe Hoffnung, so der Insolvenzverwalter. „Mit aller Vorsicht und ohne dass ich irgendwas versprechen kann: Die Ausgangslase ist sehr, sehr günstig.“

Doch wie kommt ein Betrieb wie AKT trotz boomender Auftragslage auf einen solchen Schlingerkurs? Bernhard Schrettler, einer der neu eingesetzten Geschäftführer, nennt eine Zahl: „3100 Erzeugnisse.“ Eine solch breite Produktpalette gebe es aktuell bei AKT. Zu breit, wie die beiden Chefs übereinstimmend nach erster Einsicht in die Auftragsbücher meinen. Bedingt durch die Wirtschaftskrise vor zwei Jahren, habe AKT auch wenig oder gar nicht rentable Aufträge angenommen. „Die Kosten sind immer mehr gestiegen“, so der Insolvenzverwalter ergänzend. Die Palette sei „eventuell viel zu groß gewesen“, so auch seine Einschätzung. Mit anderen Worten: AKT hat sich verzettelt, hat sich übernommen. Was möglicherweise auch an der zuletzt häufiger gewechselten Geschäftsführung lag. „Diese ewigen Wechsel“, so Betriebsrats-Chef Gerhard Hottowitz, „haben mit dazu beigetragen, dass der Betrieb nicht so straff organisiert war.“ Nun wolle man, so Mit-Geschäftsführer Andrew Seidl, einen „geordneten Ausstieg aus einigen Produktpaletten“ anstreben.

Außerdem so Schrettle, gebe es „einen Investitionsstau.“ Als Begründung dafür nennt Seidl ausgerechnet die wirtschaftliche Erholung. „Restrukturierungen und gleichzeitiger Aufschwung sind kaum miteinander zu vereinbaren.“ AKT, so sein Resümee, „war in einer Falle.“

Eine Sanierung des Betriebs durch eine Planinsolvenz, so Schulte-Kaubrügger, sei „der 1 a-Weg“, um AKT zukunftsfähig aufzustellen. Und um die mehr als tausendköpfige Belegschaft weiter zu beschäftigen. Der Lohn werde selbstverständlich weitergezahlt, „Personalabbau ist nicht vorgesehen“, so Seidl. Im Gegenteil. Man wolle sogar prüfen, ob die 150 momentanen Leiharbeiter nicht in die Stammbelegschaft eingegliedert werden könnten, ob dies langfristig nicht kostengünstiger sei.

Am gestrigen Nachmittag informierten neue Geschäftsführung und Insolvenzverwalter die AKT-Belegschaft im Rahmen einer kurzfristig angesetzten Betriebsversammlung über die aktuelle Lage. Und über die Zukunftsaussichten. „Das schnelles Handeln war notwendig“, schätzt Seidl ein. Und der Wirtschaftsminister – auch das Land gehört zu den Gläubigern von AKT – ergänzte, er sei zwar selbst am Dreikönigstag von der Insolvenz überrascht worden. „Aber ich glaube mittlerweile, dass das genau der richtg Zeitpunkt war“, so Haseloff.

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