Eingeschränkte Sicht für einige Nachbarn

Außenlifte an der Gartenstraße in Gardelegen: „Ich fühle mich wie im Ghetto“

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Blick direkt auf die Baustelle: Johanna Reisener bekommt künftig weniger Tageslicht ab. Sie muss nun auch tagsüber oft das Licht in ihrer Wohnung anknipsen.

Gardelegen – Vor wenigen Tagen war es erstmals soweit. Da ließ sich die Sonne kaum blicken. „Und ich musste am helllichten Tag das Licht in meiner Wohnung anschalten“, sagt Johanna Reisener.

Die 77-jährige Rentnerin lebt seit 1980, also seit fast 40 Jahren und damit rund die Hälfte ihres bisherigen Lebens im Neubaublock an der Straße der Freundschaft 1 im Gardelegener Schlüsselkorb.

Lifte werden an der Gartenstraße angebaut. Für Mieter des Nachbarblocks gibt es Sichteinschränkungen.

Und blickt seit wenigen Tagen von ihrem Balkon auf eine Baustelle. Denn im U-fömig daneben stehenden Nachbarblock werden von außen Lifte angebaut. Damit die dort lebenden 110 Mietparteien in den Neubaublöcken an der Gartenstraße künftig ebenerdig in ihre Wohnungen gelangen können. Diese Konstruktionen ragen 4,10 Meter weit heraus und versperren der langjährigen Mieterin im Nachbarblock größtenteils die Sicht. Das Fazit von Johanna Reisener: „Ich fühle mich neuerdings wie im Ghetto.“

Wolfgang Oelze ist Geschäftsführer der Gardelegener Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) und verantwortlich für die Lift-Investition an der Gartenstraße. Der von Johanna Reisener bewohnte Nachbarblock gehört ebenfalls der Wobau. Mit den Beschwerden seiner Mieterin konfrontiert, gibt Oelze zu: „Ich kann verstehen, dass Frau Reisener unzufrieden ist.“ Aber für ihn gehe es auch um eine Abwägung. Denn mit dem Einbau der Lifte gebe es künftig eine erhebliche Verbesserung der Wohnqualität für die oft nicht mehr ganz jungen Mieter an der Gartenstraße.

Er hätte die Lifte auch „liebend gerne“ an die Vorderfronten der Blöcke bauen lassen. „Aber das ist aus bautechnischen Gründen leider nicht machbar“, sagt Oelze. Also gebe es „Einschnitte“ für Teile der Nachbarschaft, „ich kann das leider nicht verhindern.“ Es sei in diesem Fall nunmal so: „Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall“, so der Wobau-Geschäftsführer. Dass es „eine Minderung“ der Wohnqualität für die langjährige Mieterin gibt, will er gar nicht verleugnen. Bis zum August sollen alle Eingänge an der Gartenstraße die Außenlifte – ähnlich wie an der Straße der Freundschaft 10 bis 12 – erhalten haben. Die Kosten liegen bei 1,35 Millionen Euro.

Mittlerweile hat Johanna Reisener das Gespräch mit dem Wobau-Geschäftsführer gesucht. Und sich auch darüber beschwert, dass sie, die ab sofort Einschränkungen in Kauf nehmen muss, im Vorfeld nicht über die Baumaßnahme informiert worden sei. „Wir haben vernünftig miteinander geredet“, sagt sie. Gleichwohl sieht sie ihre Wohnqualität nach wie vor gemindert. Oelze habe auch einen Umzug in eine andere Wobau-Wohnung ins Spiel gebracht und ihr dabei Hilfe angeboten. Für die Rentnerin, die seit fast vier Jahrzehnten an der Straße der Freundschaft 1 lebt, wäre das eine erhebliche Zäsur. „Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich es machen. Aber jetzt noch...?“

Und so bleibt Mieterin Johanna Reisener an wolkenverhangenen Tagen nun tatsächlich nichts anderes übrig, als das Licht in ihrer Wohnung auch tagsüber anzuknipsen.

VON STEFAN SCHMIDT

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