Fundament eines mittelalterlichen Gebäudes und diverse Fundstücke entdeckt

Archäologen erforschen Lindstedts alte Motte

+
Dr. Felix Biermann (links) und sein Team an der Ausgrabungsstätte in Lindstedt. Dort legten sie in der vergangenen Woche die Überreste eines rechteckigen Gebäudes frei, das wohl in der Zeit zwischen 1380 und 1450 genutzt wurde.

Lindstedt. Unscheinbar und von Grün bedeckt. So ließ sich bis vor kurzem der Bereich beschreiben, der nur wenige Meter nordöstlich des Lindstedter Gutsgeländes liegt. Nichts deutete von Außen darauf hin, dass dort – keinen halben Meter unter der Erde – ein Bodendenkmal liegt.

Bis ein Team von Archäologen vergangene Woche begann, es frei zu legen.

Von Montag bis Donnerstag waren Dr. Felix Biermann, sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Normen Posselt und sechs Studenten aus Berlin, Greifswald und Göttingen damit beschäftigt. Sie interessieren sich für Bauweise, Nutzung und Verbreitung eines bestimmten Burgtyps, so genannter Motten oder Turmhügelburgen. Bevor das Team nach Lindstedt kam, hat es in diesem Sommer bereits zwei Grabungen in der Prignitz vorgenommen. „Bei dem Wort Burg denkt man meist an imposante Steinbauten“, sagt Biermann, „dagegen wirken Turmhügelburgen eher unspektakulär.“ Und dennoch sind sie für die Forschung von Interesse. Denn die meist aus Holz bestehenden Bauwerke sind im Mittelalter weit verbreitet, dienen dem niederen Adel als Sitz. Von Frankreich, wo die ältesten Turmhügelburgen um das Jahr 1000 entstanden, breitete sich dieser Bautrend in Richtung Osten aus.

Der namensgebende Hügel, auf dem diese Burgen gebaut wurden, hatte in Lindstedt wohl eine Ausbreitung von etwa zehn Metern Länge und 20 Metern Breite. Er wurde in einem sumpfigen Gebiet aufgeschüttet. In der Regel waren diese Burgen nämlich von Gräben umgeben, zusätzlich waren sie durch Wälle oder Palisaden geschützt. „Ein Heer hat man damit nicht abwehren können“, sagt Biermann, „aber zur Verteidigung gegen einen kleinen Angriff des Nachbarn hat es gereicht.“ Im 15. Jahrhundert hätte sich die Bauweise dieser Burgen aber auch gewandelt, weg vom wehrhaften und hin zum repräsentativen Charakter.

Das Exemplar in Lindstedt sei eine Art Bindeglied zwischen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nutzung, so Biermann. Denn wie sich bei den Grabungen herausstellte, stand in Lindstedt nicht etwa ein Holzturm, sondern ein rechteckiges festes Haus auf dem Hügel. „Wir hatten nicht mit einer derart ausgedehnten Steinarchitektur gerechnet“, erklärt der Archäologe. Ein weithin gut erhaltenes Feldstein-Fundament legten die Archäologen frei, dazu zwei Öfen. Es habe sich wahrscheinlich um einen einstöckigen Fachwerkbau gehandelt, sagt Biermann, der beinahe die komplette Fläche des Hügels eingenommen hat. Insofern bezeichnet er das, was bei den Grabungen nahe des Gutshofes zu Tage kam, auch als Herrensitz. Genutzt wurde der wohl in der Zeit zwischen 1380 und 1450. Soviel ließe sich nach der knapp einwöchigen Untersuchung schon sagen.

Genauere Angaben zum Zeitpunkt des Baus erhoffen sich die Wissenschaftler aus der Untersuchung des verwendeten Holzes. Aufschlüsse auf die Lebensweise der Besitzer könnten die Wissenschaftler aus einigen Fundstücken gewinnen. Wie die Reste eine Henkel-Gefäßes aus hochwertig verarbeitetem Steinzeug. „Fast porzellanartig“, beschreibt es Biermann, was zeige, dass es eine relativ luxuriöse Ware gewesen sei. Daneben fanden sie unter anderem die Reste eines mutmaßlichen Weinkrugs, das mit einem Gesicht verziert ist.

Was aus dem Bodendenkmal in Lindstedt nun wird, ist noch offen. Derzeit ist die Grabungsstelle mit einer Plane abgedeckt. Der Förderverein Historische Region Lindstedt, der ein Stück weiter nördlich auch den kompletten Nachbau einer Turmhügelburg plant, möchte das Denkmal nach seiner Erforschung gerne für die Öffentlichkeit erlebbar machen.

Von Karsten Tenbrink

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare