Vor 30 Jahren startete das Gardelegener Gymnasium

Collatz: „Es war für uns ein völlig neues Feld“

Mann am Schreibtisch
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Dietmar Collatz mit seiner alten Kladde.
  • Stefan Schmidt
    VonStefan Schmidt
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Vor 30 Jahren nahm das neue Gardelegener Gymnasium seinen Schulbetrieb auf.

Gardelegen – An das genaue Datum kann sich Dietmar Collatz nicht mehr erinnern. Aber an die Begebenheit im Sommer 1991 sehr wohl. „Auf einmal stand er bei mir im Garten“, erzählt der Mann aus Solpke. Otto Lotsch, der damalige Schulrat, wollte den Lehrer der Polytechnischen Oberschule (POS) in Solpke dringend sprechen. Unter vier Augen. „Ich will“, erklärte der Schulrat dem verdutzten Biologie- und Sportlehrer, „dass Du der Leiter unseres neuen Gymnasiums wirst“. Lotsch gab Collatz 24 Stunden Bedenkzeit. Und „nach einer unruhigen Nacht“, wie Collatz rückblickend sagt, habe er das Angebot angenommen. Zwar sei es ein Sprung ins kalte Wasser gewesen. „Aber hätte ich es nicht gemacht“, schätzt Collatz, „hätte ich es später womöglich bereut“.

Am heutigen Donnerstag auf den Tag genau vor 30 Jahren, am 2. September 1991, nahm das Gymnasium unter den neuen gesamtdeutschen Strukturen seinen Betrieb auf. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien – wie am 2. September 2021, auch.

Viele offene Fragen

Bis dahin gab es viele offene Fragen. Beispielsweise, welche Lehrer am neuen Gymnasium, das zwei Jahre später den Namen „Geschwister Scholl“ erhielt, unterrichten sollten – im Gespräch waren auch die Namen Otto-Reutter-Gymnasium und Altmark-Gymnasium. Am Ende waren es 64 Lehrkräfte, die 956 Schüler unterrichteten.

Dann war da die Frage der Fächer. An der Erweiterten Oberschule (EOS), dem Vorgänger des Gymnasiums, wurde in Gardelegen neben Russisch vor allem Französisch unterrichtet. „Nun kam aber Englisch dazu“, so Collatz. Die geeigneten Lehrer dafür zu finden, sei nicht einfach gewesen. Und Sozialkunde? „Da konnte ich nun wirklich nicht die alten Staatsbürgerkunde-Lehrer nehmen“, so Collatz, der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2018 ununterbrochen Chef des Gymnasiums blieb. „Und wer sollte uns bislang unbekannte Fächer wie Ethik und Religion übernehmen?“ Dazu kam manch eine Lehrkraft, die als Stasi-belastet eingestuft wurde und den Dienst quittieren musste. „Wir mussten viel improvisieren“, blickt Collatz zurück.

Auch bei den Arbeitsverträgen. „Die kamen und kamen nicht bei uns an, die Zeit drängte“, so Collatz. Anruf in der Behörde: Es sei gerade Urlaubszeit, die Arbeit stapele sich ohnehin, man habe zu wenig Personal, er möge sich bitte noch gedulden.

Arbeitsverträge selbst aufgesetzt

Also schnappte sich Collatz seine beiden Schulsekretärinnen, fuhr mit ihnen zur Bezirksregierung nach Magdeburg. Man hockte sich in einen kleinen Nebenraum und setzte die Arbeitsverträge selbst auf, erinnert sich Collatz mit einem Schmunzeln.

Über sein sportliches Hobby Volleyball lernte der neue Schulleiter einen Kollegen im niedersächsischen Celle kennen, „den Rudi Hartmann“, zu dem er bis heute Kontakt hält. Der kannte sich aus mit der Stundenvergabe. Also welcher Lehrer was wann unterrichtet. Collatz schnappte sich seine Kladde, listete Lehrer und Fächer auf, blieb zwei Tage in Celle – und die Stundentafel war fertig. Ein Problem gab es aber noch: „Die handelsüblichen Stecktafeln“, auf denen man die Stundenvergaben optisch darstellte, „waren für unser großes Gymnasium viel zu klein“. Also musste man auch in diesem Fall improvisieren.

Später, so erzählt er, sei der Kollege aus Niedersachsen mal zu einer Lehrer-Zusammenkunft nach Gardelegen gekommen und habe einzelne Kollegen, in Anspielung auf die Stundentafel, begrüßt mit Sätzen wie „Sie waren für mich der gelbe Button in der dritten Reihe links“.

Anfangs drei Standorte

Anfangs hatte das Gymnasium drei Standorte: die damalige Dimitroff-Schule am Jägerstieg, die heutige Wander-Grundschule an der Straße der Republik sowie Räume auf dem LIW-Gelände am Tannenweg. Dazu noch die Außenstelle in Mieste. Ein Gemeinschaftsgefühl sei da nur sehr schwer herzustellen gewesen, erzählt Collatz. Nachdem der damalige Gardelegener Kreistag im Jahr 1993 – die Kreisgebietsreform gab es erst ein Jahr später – den Neubau des Gymnasiums beschloss, entstand 1994 und 1995 auf dem heutigen Schulgelände – vorher befand sich dort ein Sportplatz – der Fachklassentrakt. Der zweite Bauabschnitt folgte 1997. Und im Jahr 1998 wurde die Aula errichtet.

Für Collatz steht fest: „Für uns alle war die Anfangszeit des Gymnasiums ein völlig neues Feld.“ Aber dass er das Angebot des Schulrates beim Besuch im Garten angenommen hat, hat Collatz im Nachhinein nicht bereut.

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