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Froese: „Das hat immer etwas Brüchiges“

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Von: Stefan Schmidt

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Menschengruppe vor Gebäude
20 Besucher kamen zu der thematischen Führung. © Stefan Schmidt

Eine thematische Führung gab es am Sonntag in Gardelegen.

Gardelegen – „Man sollte nicht mit dem Zeigefinger auf frühere Zeiten deuten.“ Das sagte Andreas Froese, der Leiter der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe, am Sonntagvormittag während einer einstündigen Führung über das Areal, auf dem die Nazis am 13. April 1945 das Feldscheunen-Massaker mit 1016 getöteten KZ-Häftlingen verübten. Froese beleuchtete den Ort unter dem Aspekt des Gedenkens im Wandel der Jahrzehnte.

Vor jenem Tag des Massakers war der Ort einer von vielen in der Region: Eine große Scheune auf freiem Feld. Nach dem Massaker, so betonte Froese, sei das Feldscheunen-Areal jedoch bis heute ein Ort des Erinnerns und des Gedenkens geblieben. Woanders – beispielsweise in Wolfsburg, wo es ein Arbeitslager gab – sei buchstäblich Gras über die Sache gewachsen, habe man stattdessen Wohnungen gebaut.

Froese erinnerte daran, dass die US-Armee direkt nach dem Einmarsch in Gardelegen und der Entdeckung des Massakers die einheimische Bevölkerung gezwungen habe, die Toten zu beerdigen und sich den Ort des Geschehens anzusehen. „Diese Schock-Konfrontation war bewusst gewollt.“ Denn man habe an den Deutschen eine „Re-education“ also eine Umerziehung, vornehmen wollen und sie zurück in die zivile Weltgesellschaft mit Scham und Reue führen wollen. Und so habe es eine „Besichtigung durch Zwang“, eine Art „Zwangsbeschämung“, gegeben, die aus heutiger Sicht wohl nicht mehr zeitgemäß sei.

Mit den 20 Besuchern ging Froese mehrere Stationen auf der Gedenkstätte ab. Das Gräberfeld sei deshalb besonders, weil es seinerzeit äußerst selten war, nach Massakern Einzelgräber anzulegen – die Leichen waren ja noch da. Von den 1016 Feldscheunen-Toten sind bis zum heutigen Tag nur etwas mehr als 300 und damit erst etwas mehr als ein Drittel identifiziert.

Das Fazit von Froese: „Erinnerungskultur ist immer etwas Brüchiges, was auch mal angegriffen wird.“ Und es könne durchaus sein, dass man „in 20, 30 Jahren“ wiederum anders gedenke als heute.

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