Bürgermeisterin schreibt neuzeitliche Wortkreationen sparsam

Gendersprache trifft in Bismark einen Nerv

Die Anrede „Mitarbeiter*innen“ mit einem Strernchen ist in der Handreichung zur geschlechtersensiblen Sprache für die Verwaltung einer süddeutschen Stadtverwaltung markiert.
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Die Anrede „Mitarbeiter*innen“ ist in der Handreichung zur geschlechtersensiblen Sprache für die Verwaltung einer süddeutschen Stadtverwaltung markiert. Wie viel Gendern es sein soll, wenn überhaupt, die Diskussion läuft republikweit.
  • Marco Hertzfeld
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Gendersprache spaltet die Meinungen. CDU-Rathauschefin Annegret Schwarz lehnt das Ganze zwar nicht komplett ab, hat es aber auch nicht ansatzweise oben auf ihrer Liste stehen.

Annegret Schwarz (CDU) führt seit Januar 2017 das Zepter im Bismarker Rathaus. Zur Einheitsgemeinde gehören insgesamt 20 Ortschaften.

Bismark – Geschlechtergerechte oder auch gendergerechte oder auch gendersensible Sprache ist in aller Munde. Wenn auch nicht oder noch nicht so, wie es sich ihre Befürworter erhoffen. Binnen-I, Gendergap, Sternchen und anderes mehr spalten die Meinungen. „Ich glaube, wir haben einfach Wichtigeres zu tun. Wobei ich mich damit nicht generell gegen das Gendern ausspreche, aber was hier abgeht, geht einfach zu weit“, ist Annegret Schwarz, der Bürgermeisterin der Einheitsgemeinde, überzeugt. Eine der E-Mail-Adressen im Rathaus lautet ganz traditionell maskulin: buergermeister@stadt-bismark.de. Was wie wann sich ändert und verändert niederschlägt, in der Stadtverwaltung will man offenbar nichts übereilen.

Schwarz: Haben alle Wichtigeres zu tun

In dem gegenwärtig auch wegen der Coronafolgen doch recht angespannten Arbeitsalltag habe die AZ-Anfrage für einige Abwechslung und gute Laune gesorgt, lässt die Christdemokratin gleich vorweg wissen. Kollegen und sie hätten sich noch einmal intensiv mit einer E-Mail des Städte- und Gemeindebundes aus dem Juli 2019 beschäftigt. Was künftig wie gesagt werden möge, darum sei es in der Nachricht gegangen, und das mit zahlreichen Beispielen. „Ich weiß noch, dass ich damals gesagt habe, meine Neujahrsrede 2020 halte ich gendergerecht.“ Wobei zwei Gründe dagegen sprachen. „Erstens: Es versteht mich keiner, wobei ich ,keiner’ nicht sagen darf – niemand versteht mich. Zweitens: Meine Zeit ist zu kostbar.“

Altmärkerin bangt ums schöne Deutsch

Deshalb habe sie es dann gemacht wie immer und gesagt: „Liebe Bürgerinnen und Bürger ...“ Die Diskussion in der Republik und darüber hinaus ist längst losgetreten. Das weiß auch Schwarz. „Wir schreiben mit *innen. Mir wäre ja ein großes I lieber, aber unsere Recherchen haben ergeben, dass dies wohl nicht zulässig ist“, teilt sie mit, ohne dazu weiter ins Detail zu gehen. Und grundsätzlich: „Wir bemühen uns. Die Amtsbezeichnungen werde ich nicht ändern. In Anschreiben und Veröffentlichungen sind wir bemüht, zumindest teilweise gendergerecht zu schreiben.“ Sie sei fest überzeugt: „Dass nicht eine sogenannte gendergerechte Sprache den Menschen ausmacht, sondern der Mensch selbst.“

Die Forderung eines CDU-Politikers aus Hamburg nach einem Gender-Verbot für staatliche Institutionen kommentiert die Altmärkerin nicht großartig, lässt aber zumindest Sympathien erkennen: „Wie gesagt, ich bin der festen Überzeugung, dass in diesem Land wichtigere Entscheidungen zu treffen sind.“ Neben dem Gendern werde gefordert, dass in Behörden einfache Sprache angewendet werde. „Das passt nicht zusammen“, findet die Bürgermeisterin. „Die deutsche Sprache ist eine wunderschöne Sprache, das sollte sie auch bleiben. Ich glaube nicht, dass durch eine gendergerechte Sprache die Gleichstellung von Mann und Frau sowie allen anderen Geschlechtern erreicht wird. Da müssen ganz andere Dinge in den Köpfen von vielen Menschen passieren.“

CDU-Frau nicht völlig dagegen

Bei der Frage, was für sie denn nun mehr Sinn ergebe, Bürgermeister oder Bürgermeisterin, meint Schwarz durchaus ironisch: „Ich wollte es ja nicht sagen, aber nun kommt es raus, gendergerecht weder das eine noch das andere, sondern: das Stadtoberhaupt.“ Wobei die Bürgermeister*innen ja eh noch gut wegkämen. Auf der besagten Liste stünden für Landrat zwei Bezeichnungen: Landkreisleitung oder Landratsamtsleitung. Wortbeispiele, die definitiv zu weit gingen, gebe es zahlreiche. „Wo soll ich anfangen, wo aufhören, wie lang soll der Artikel werden?“ Aus Bürger solle ja Bürgerschaft werden, aus Helfer vor Ort Hilfskräfte vor Ort, aus Rednerpult Redepult, aus Ehegatte die Ehe teilende Person, aus Schmied ein auf die Schmiedekunst spezialisierte Person. „Mein Highlight: Lebenspartner – Liebesmensch.“

Die Diskussion um geschlechtergerechte Sprache dürfte damit nicht enden. Es ist die Rede davon, dass sie quasi Grundgesetzziel sei und selbst die Dudenredaktion nach anfänglicher Skepsis ihre Haltung geändert habe. Zudem setze geschlechtergerechte Sprache geltendes Recht um. Befürworter in der Altmark und darüber hinaus verweisen dafür nicht zuletzt auf die Europäische Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler und regionaler Ebene, das Papier aus dem Jahre 2006 stammt vom Rat der Gemeinden und Regionen Europas, einem gemeinnützigen Dachverband. Der Deutsche Städtetag empfiehlt Kommunen, dem Anliegen zu folgen. Mehr als 1700 Kommunen in 35 Ländern sollen sich mittlerweile mit ihrer Unterzeichnung den Zielen der Charta verpflichtet haben.

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