„Nicht immer die schwere Kriminalität“

Polizeisprecher sieht in Bismark auch schon ohne Autobahn keine heile Welt

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Fast auf den Tag genau vor einem Jahr krachte es in Büste. Es gab gleich vier Verletzte.

Bismark – Es gibt Wochen, in denen die 20 Ortschaften nicht ein einziges Mal im Polizeibericht auftauchen. Eine heile Welt sei die Einheitsgemeinde natürlich dennoch nicht, reagiert Dirk Marscheider leicht amüsiert.

„Bismark und Umgebung werden nicht vergessen. Wenn etwas passiert, über das berichtet werden kann, dann wird auch berichtet.“

Konkrete Zahlen kann der Sprecher des Polizeireviers Stendal auf die Schnelle nicht nennen. Doch eines liege ja nun einmal auf der Hand: Es handelt sich um einen ländlichen Bereich, die Menge an Einsätzen ist überschaubar. Die Altmark-Autobahn könnte daran etwas ändern.

Polizeihauptkommissar Dirk Marscheider (r.), Sprecher des Reviers Stendal, lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Altmark. Das Bild zeigt ihn mit Joachim Albrecht, der bei der Polizeiinspektion Stendal für Prävention zuständig ist.

Einsatzkräfte aus einer Großstadt hätten ein anderes Arbeitsspektrum als die eines Flächenreviers Stendal, und auch in dessen Gebiet gebe es noch einmal Unterschiede. „Es ist nicht immer die schwere Kriminalität, welche die Anwohner trifft. Es kann oft auch der Verkehrsunfall, der Diebstahl oder Einbruch sein.“ Ob Bismark im Vergleich aller Einheits- und Verbandsgemeinden im Landkreis den Titel sicherste Kommune verdiene, müsste natürlich ganz genau untersucht werden. Marscheider lebt seit fast 22 Jahren in der Altmark, wohnt in der Einheitsgemeinde Bismark, spielt in Schinne Fußball.

Jede Gemeinde habe ihr eigenes Gesicht, was Bevölkerung und Infrastruktur angehe, meint der Polizeihauptkommissar gegenüber der AZ. „Auf einer weit ausgebauten Straße kann man Hunderte Kilometer sicher und geradeaus fahren. Unsere ländlichen Bereiche sind oftmals durchzogen von kleinen, baumbewachsenen Straßen, Alleen und auch Plattenwegen, die nicht ungefährlich sind.“ Jahrelang war die Landesstraße 15 ab Uenglingen in Richtung Bismark als Unfallschwerpunkt gekennzeichnet. Gerade bei schweren Unfällen zähle jede Sekunde, doch müsse das Drama auch erst einmal jemand mitkriegen und melden, damit Hilfe kommen könne. „Im sehr ländlichen Raum ist das schwieriger als in einer Großstadt.“

Wenige Menschen haben sehr viel Platz. Wildunfälle nehmen schon traditionell in der Jahresbilanz der Polizei vorderste Plätze ein. Das wird für 2019 nicht anders sein, Marscheider und Kollegen sitzen gerade über den Zahlen für den gesamten Landkreis. Selbstredend betreiben die Beamten auch Ursachenforschung, im Rahmen der Möglichkeiten. Dass beispielsweise viele Bürger bis ins hohe Alter auf den Pkw angewiesen seien, bringe auch Gefahren mit sich. Schrumpfende Wirtschaft auf dem Land, geschlossene Einkaufsläden, Ärztemangel und anderes mehr trieben die Menschen auf die Straße. Polizeiliche Arbeit und Verkehrsprävention müssen darauf reagieren.

In kleinen Gemeinden kenne jeder jeden, in der Regel jedenfalls. Man passe aufeinander auf, wisse im Laufe der Jahre auch über die Gewohnheiten des Nachbarn Bescheid. „Auf diese Weise lassen sich auch Straftaten verhindern und aufklären.“ Ein Fahrzeug, das fremd ist, falle auf dem Dorf eher auf als in der Stadt. Dasselbe gelte für eine Person, die nicht im Ort wohne. „Es ist nicht so anonym wie in einer großen Stadt.“ Mit der Autobahn dürften sich „neue Umstände“ ergeben. Darauf werde sich eingestellt. „Für berufliche Pendler etwa wird vieles neu werden, aber so eine Autobahn kann auch überörtliche Scharlatanen Möglichkeiten bieten. Aber das werden wir sehen, wenn sie fertig gebaut ist.“

Marscheider stammt aus dem Harz, der Unterschied zur Altmark liegt auf der Hand, die Berge. Ansonsten gebe es natürlich auch eine Menge Gemeinsamkeiten, in beiden Regionen liege die Natur oftmals vor der Haustür, in manchen Gebieten dominierten kleine Straßen das Verkehrsnetz und nicht die Magistralen. Und die Menschen selbst? „Die Altmärker sind ein sehr eigenständiges und verschlossenes Völkchen, so habe ich sie kennengelernt. Es braucht schon Zeit und Empathie, um sich vollumfänglich in Gemeinschaften integrieren zu können. Aber ich finde diese Gegebenheiten, so wo sie hier sind, sehr schön. Ich lebe gern hier“, gerät der 39-Jährige kurz ins Schwärmen.

Um gleich darauf wieder zur Ausgangsfrage zurückzukehren: „Einsatzanlässe und Kriminalität sind nicht planbar. Wenn es eine gewisse Zeit auch mal sehr ruhig ist in einem Bereich, heißt das nicht sofort, dass es so bleibt. Umgekehrt genauso.“ Die Regionalbereichsbeamten in der Einheitsgemeinde seien in ihrer Arbeit sehr aktiv, machten das, was eine der wichtigsten und vornehmsten Aufgaben sei, in der Öffentlichkeit Präsenz und Gesicht zeigen. „Sie sind auch in den kleinen Orten sicht- und ansprechbar. Auch das hilft, sie sind greifbar.“ Wer es nicht weiß: Marscheiders Kollegen haben ihren Sitz in der Kernstadt der Einheitsgemeinde, im Bismarker Rathaus.

VON MARCO HERTZFELD 

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