„Sie sind neidisch auf unseren Erfolg mit den Zuchthengsten“

Grassau: Mögliche Vernachlässigung von Pferden spaltet die Gemüter

Angela Westphal steht auf dem Auslauf ihrer Stuten. Eine Futterstelle und ein paar kleine Pfützen sind im Hintergrund zu erkennen. Im Vordergrund liegt Stroh.
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Angela Westphal, Pferdehalterin und Hobbyzüchterin aus Grassau, zeigte der AZ selbst den Auslauf ihrer Tiere Mitte März.
  • Lisa Maria Krause
    vonLisa Maria Krause
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Als er die AZ-Berichterstattung über ein vernachlässigtes Pferd in Jübar (Altmarkkreis Salzwedel) und über die Folgen im Februar las, dachte sich ein Rentner, dass ein Zeitungsartikel auch etwas in Grassau bewegen könnte. 

Grassau - Denn die Pferdehaltung einer Nachbarin aus der Bismarker Ortschaft bereite Adolf Eimecke schon seit Längerem Sorgen. Gegenüber der AZ schilderte er die aus seiner Sicht schlimmen Zustände und sprach von vernachlässigten Tieren. Seine Aussagen stehen im Widerspruch zu denen der Halterin und auch zur Sicht des Kreis-Veterinäramts in Stendal.

„Ich beobachte das schon seit einer Weile. Die zehn Pferde haben zeitweise sehr schlechtes, mal aber auch gutes Heu.“ Schlimmer sei aber, dass die Pferde seit Wochen „die ganze Zeit auf dem Hinterhof im feuchten Matsch stehen und der Dung nicht mehr von der Fläche entfernt wird“, so der Nachbar. Vormals sei der Dung immer weggebracht worden, zu einem Bauern nach Schinne. Aber seit Oktober schiebe der Hofherr „die Scheiße nur noch mit dem Traktor in eine Ecke“. Auch den schlechten, verschmutzten Zustand der Pferdedecken, die die Tiere gegen die Kälte schützen sollen, kritisiert der ältere Herr.

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, reagiert die Pferdebesitzerin wütend: „Oh ja, meine Pferde sind ja so vernachlässigt, obwohl sie so zutraulich sind. Genauso wie meine Hunde“, erklärte Angela Westphal mit ironischer Betonung in einer ersten Reaktion gegenüber der AZ. Westphal räumt allerdings ein: „Wir wollen es endlich angehen, die Dungberge wieder zu dem Bauern zu bringen. Aber wir äppeln täglich die Fläche ab.“ Mit „Abäppeln“ ist das Aufsammeln des Dungs gemeint.

Eimecke habe nach eigenen Angaben auch schon mit der Halterin sprechen wollen. Aber: „Mit der Frau kann man nicht reden. Und ihr Mann sagt, dass ich von Pferden keine Ahnung habe.“ Das wies er entschieden zurück. „Ich habe einen Abschluss an der Reit- und Fahrschule Stendal gemacht“, erklärt der Rentner. Außerdem habe er als Bauer selbst schon Pferde gehalten.

Er wandte sich an die Bürgermeisterin der Einheitsgemeinde. „Sie hat gesagt, sie kümmert sich, aber es ist nichts passiert.“ Auf AZ-Nachfrage erklärte Annegret Schwarz (CDU): „Der Sachverhalt ist mir bekannt. Ich habe die Informationen umgehend an den Landkreis weitergeleitet.“ Auch der Grassauer berichtet, mehrmals das Veterinäramt informiert zu haben. „Ich mache das hin und wieder, nicht zu oft. Aber da wurde nichts unternommen.“

Die Vorwürfe seien alle haltlos, betont Westphal. Nach ihren Angaben sei das Veterinäramt zweimal zur Überprüfung gekommen. „Einmal 2018 und einmal erst kürzlich im Februar. Dabei hatte es aber nichts zu beanstanden. Den Stuten geht es gut.“ Ganz kritiklos verlief die Prüfung 2018 aber nicht: „Die Dame vom Veterinäramt hatte keine Ahnung von Pferden. Sie hat die dreckigen Decken kritisiert“, meint Westphal kopfschüttelnd.

Aus ihrer Sicht sei daran nichts zu beanstanden. Die Pferdedecken seien von außen schmutzig, aber die Pferde darunter sauber. „Ich müsste sie alle halbe Tage waschen, so schnell machen die Tiere sie wieder dreckig.“ Die Decken würden im Frühjahr gereinigt. „Wenn die Pferde ein paar Stunden ohne Decke draußen im kalten Wind stehen, würden sie sehr viel Energie durch das Zittern verlieren“, erklärt die Halterin.

Zum Vergleich: der matschige Boden und die Dungberge auf dem Hinterhof Ende Februar.

Inwieweit es in Ordnung ist, Pferde im Winter im Matsch stehen zu lassen, wird unter Haltern immer wieder diskutiert. „Mit Huffäule oder Mauke – einer Entzündung der Fessel – haben wir keine Probleme. Das tritt eher auf, wenn das Pferd in Jauche, also in dem eigenen feuchten Dung, steht“, so die Auffassung der 65-Jährigen. Den Matsch könnten sich die Pferde im Stroh in den täglich gesäuberten Boxen, in denen sie laut Westphal nachts schlafen, abreiben.

Eine Dränage, also Entwässerungsrohre im Boden, gebe es, doch die würde gegen die durch den Regen entstehenden Pfützen nicht genug helfen. „Wir haben Pläne für den Sommer. Da können wir vielleicht die Pferde auf eine Weide in Schinne bringen. Dann wollen wir den Auslauf neu auskoffern und eine Ringdränage verlegen. Das kostet uns mindestens 20 000 Euro.“ Das Rentnerpaar versorge die Tiere vor allem durch Nebenjobs. Die Zucht von Pferden und Hunden, die Westphal als Hobby betreibt, würde noch nicht genug einbringen.

Inzwischen hat Eimecke Post von PETA, einer Tierrechtsorganisation, erhalten. Deren Programm Whistleblower, zu Deutsch Hinweisgeber, baut darauf, dass Menschen anonyme Tipps auf Tiermisshandlung melden. „Die müssen gut informiert sein. Aber vor den Wagen will ich mich nicht spannen lassen“, sagt der Rentner. Er habe von der umstrittenen Tierrechtsorganisation schon gehört und davon abgesehen, Fotos zu schicken. „Meine Adresse müssen die von Nachbarn bekommen haben. Da schiebt einer dem anderen den schwarzen Peter zu.“

Auch Westphal bemüht den sprichwörtlichen „Schwarzen Peter“. „Ich weiß ganz genau, wer uns da anschwärzt. Aber der schickt immer andere vor, deshalb können wir rechtlich nichts dagegen machen.“ Als Grund für das „Anschwärzen“ sieht die Pferdehalterin vor allem eins: „Neid. Sie sind neidisch auf unseren Erfolg mit den Hengsten. Drei sind inzwischen gekört, also offiziell zur Zucht freigegeben.“

Eine mögliche Feindseligkeit gegenüber ihr als Zugezogene sieht die Pferdehalterin nicht. „Nein, die Alteingesessenen haben uns willkommen geheißen. Ich bin fest ins Dorfleben integriert.“

Bei der Gelegenheit spricht die Pferdehalterin ein anderes Problem an: „Ich weiß, dass der Auslauf nicht reicht. Nachdem wir hergezogen sind, wollten wir eigentlich von einem Bauern hier vor Ort Weiden pachten.“ Aber daraus sei nichts geworden. „Die Pferde brauchen eine ortsnahe Koppel, damit wir nach ihnen sehen und sie auch einfach wieder in die Ställe holen können.“

Auf AZ-Anfrage, ob es sich im Grassauer Fall um Tiervernachlässigung handele, gibt das Stendaler Veterinäramt eine klare Antwort: „Nein.“ Die Pferde selbst befänden sich in einem sehr guten Ernährungszustand, nur ein älteres Tier werde „altersgemäß geringgradig unterdurchschnittlich“ eingeschätzt.

Es sei jedoch angeordnet worden, die Pferdedecken zu erneuern und den Boden trockenzulegen. Der Untergrund wurde als sehr matschig mit kleinen mineralischen Steinchen und zahlreichen Pfützen beschrieben. „Bezüglich der Lagerung von Mist wurden verwaltungsrechtliche Maßnahmen eingeleitet“, erklärt Angela Vogel, Sprecherin des Landkreises. Seit dem Zuzug 2017 werde die Tierhaltung gemeinsam mit dem Umweltamt regelmäßig kontrolliert.

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