Büttenreden in Buchform

Mit närrischem Biss in Bismark durch die DDR

Ein Buch zum Karneval in Bismark und dem Büttenredner Hans-Peter Schulz.
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Das Buch, herausgegeben von Helmut Riesner. Dahinter ist ein BCG-Bild aus dem Jubiläumsjahr zu sehen.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Seine Büttenreden hatten es gerade zu DDR-Zeiten in sich und fesseln irgendwie noch immer. Hans-Peter Schulz trat als „der Chronist“ im Bismarker Karneval auf, auch noch nach der Wende. Ein Freund hat aus seinen Texten nun ein Buch gemacht.

Bismark – „Zwölf Jahre aus der Bütt geschossen in der DDR, so manches Mal erblaßten Feind und Freund. Man fragte allenthalben: darf das der?“ Hans-Peter Schulz durfte und durfte auch nicht. „Er hatte einen Zungenschlag, den jeder verstanden hat, und bekam bei allen kritischen Zwischentönen noch die Kurve“, sagt Helmut Riesner und packt ein druckfrisches Buch auf den Tisch. Es enthält die Beiträge des vielleicht bekanntesten Karnevalisten in der Gegend, den die Bürger nach der politischen Wende in Ostdeutschland doch tatsächlich sogar zum Bürgermeister wählten. Insgesamt zwei Jahrzehnte verkörperte Schulz im Bismarker Karneval den Chronisten. Zeitgeschichte, die einen mitreißen kann.

Schlagloch, Doping und der 7. Oktober

Riesner möchte am liebsten im Hintergrund bleiben und die 192 Seiten für sich sprechen lassen. Schulz tippte vieles auf der Schreibmaschine, für einiges beließ er es beim Stift. Alle 20 Büttenreden wurden nun erfasst und digitalisiert. Riesner scannte die Seiten, ergänzte nur dort, wo es nötig war. Entstanden ist womöglich auch deshalb eine lebendige und authentische Zeitreise, die auch noch von einer anderen Rechtschreibung zeugt, Schulz’ erblaßter Feind von oben schreibt sich heute anders. Riesner möchte die Sammlung als Erinnerung an eine erfolgreiche Vereinsbildung 1979 verstanden wissen und besonders als Hommage, ja Huldigung, an Schulz, der in den Jahren regelmäßig mit für ein volles Haus sorgte.

Helmut Riesner steht vor seinem Hausarchiv, in dem sich auch Ordner mit den Büttenreden von Hans-Peter Schulz befinden. Vereinsmitglied ist er nicht.

Schulz nahm die große und kleine Politik aufs Korn, das Rathaus und die Mächtigen ganz oben. Zur zweiten Session, 1980/81, sprach er über „Kaderfragen“. Ein Auszug: „Es gibt Länder, da sitzen die Posten auf Kamelen, in anderen sitzen die Kamele auf Posten.“ In der DDR gebe es keine Kamele, aber neben anderen Tieren Ochsen und Esel, Gänse und Hühner. In der achten Session 1986/87 schrieb er zum 7. Oktober, dem Tag der Republik: „Zwar fehlte die Spontanität, dafür hatten wir alles fest im Griff. Polizei und Ordner hielten sich in etwas mit den Besuchern die Waage.“ In der Session 1988/89 kurz vor dem Umbruch in der DDR spielte er mit spitzer Zunge auf Staatsdoping an, nannte Spitzensportler Spritzensportler.

Stasi soll ihn im Blick gehabt haben

Schulz’ Beiträge sind keine Schenkelklopfer, wie man sie heutzutage vor allem aus dem Rheinland kennt. Sie haben Tiefe, amüsieren, tun aber auch weh. Vielleicht kann das ganze Ausmaß dieser Büttenreden aus einer ostdeutschen Kleinstadt nur jener erfassen, der den realsozialistischen Staat selbst erlebt hat. Die DDR wollte vieles oder alles besser machen und scheiterte doch schon an der Straße. Schulz verfasste für die Narren 1983/84: „Über sieben Pfützen musst du geh’n, siebenmal in Modderhaufen steh’n. Siebenmal legst du dich in den Dreck, auf Verlaub, Herr Baurat, kein schöner Gag.“ Lesenswert scheint das Gesamtwerk in DIN-A4-Format allemal, auch für Spätgeborene.

Hans-Peter Schulz trat 20 Jahre als der Chronist beim Bismarker Karneval auf, und das mit politischem Biss.

1979 gründeten sich die „Bismarker Lausbuben“, Schulz war von Beginn an dabei. Karneval konnte damals ein Ventil sein, das sich Partei und Staat nie wirklich zu schließen trauten, nicht nur in der Altmark. Immer wieder kam es in Bismark zu Aussprachen, Protokolle und Aktenvermerke zeugen davon, einige sind als Anhang im Buch enthalten. Riesner erwähnt in seinen Vorbemerkungen auch Schulz’ Stasiunterlagen, die dieser irgendwann später amüsiert gelesen habe. Siegfried Schalow, Ehrenpräsident der Bismarker Carnevalsgesellschaft (BCG), bezeichnet Schulz in seinen Anmerkungen als einen politischen Grenzgänger, „der seine Grenzen aber auch genau kannte“.

Nach der politischen Wende Bürgermeister

Zur Session 1998/99 trat er ein letztes Mal als Chronist in die Bütt. Vor einigen Jahren erkrankte Schulz schwer, er lebt in der Stadt in einem Pflegeheim, im April wird er 82 Jahre alt. Als es um das Ordnen seiner Sachen ging, half Riesner den beiden Kindern und hatte dann die Idee, die Reden „für die Nachwelt zu erhalten“. Der Freund überzeugt: „So etwas schmeißt man nicht weg, das interessiert auch heute noch.“ Das Buch „Bismarker Karneval und sein Chronist Hans-Peter Schulz“ kostet 19,50 Euro. Erhältlich ist es in der Buchhandlung in Bismark sowie in den Buchhandlungen Winckelmann und Genz in Stendal. 60 Exemplare hat Riesner zunächst drucken lassen, es können mehr werden. Das Geld aus dem Verkauf geht an die Familie von Schulz.

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