Naturschützer bei Heißschaum giftig

Kampf gegen Spinnerraupe in Bismark: Nabu-Kreischef rät von neuartiger Methode ab

Demonstration an altmärkischem Baum: Wie die Heißschaum-Methode funktionieren soll, ist im Dezember in Osterburg gezeigt worden.
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Demonstration an altmärkischem Baum: Wie die Heißschaum-Methode funktionieren soll, ist im Dezember in Osterburg gezeigt worden.

Bismark – Ob Heißschaum tatsächlich gegen den Eichenprozessionsspinner (EPS) eingesetzt werden sollte, dazu bestehen nicht nur im Bismarker Rathaus erhebliche Zweifel. Das Verfahren habe er noch nicht live erlebt.

„Aber aus der Beschreibung ersehen wir, dass es offensichtlich mit erheblichen negativen Auswirkungen für Faune und Flora verbunden ist“, lässt Dr. Peter Neuhäuser für den Kreisverband des Naturschutzbundes (Nabu) wissen.

Die Methode, die zumindest in der Altmark als ziemlich neuartig gilt, sei „viel zu grob und unselektiv“. Und weiter: „Den Kommunen ist unbedingt abzuraten vom Verfahren, sie sollten und müssen es in ihren Ausschreibungen zur Bekämpfung des EPS ausschließen. “.

Dr. Peter Neuhäuser und ein alter Pflegefall.

Mitte Dezember war offenbar aus dem Münsterland stammende Technologie in Osterburg den Ordnungsämtern und Straßenmeistereien der Gegend vorgestellt worden. Das Prinzip scheint simpel: Wasser, etwa 97 Grad heiß, wird drucklos ausgebracht und im selben Arbeitsgang ein organischer, giftfreier Schaum hinzugegeben. Der Schaumteppich verzögert das Abkühlen des Wassers, die Hitze wirkt länger und intensiver auf die giftig-umtriebige Raupe des Nachtfalters ein. Auch Unkräuter könnten auf diese Weise bekämpft werden, heißt es. Einige Kommunen sendeten das Signal, die Heißschaum-Methode zumindest ausprobieren zu wollen. Der EPS hat sich im Landkreis regelrecht eingenistet.

„Eine Wunderwaffe scheint es mir nicht zu sein, auch wenn alles ohne chemische Zusätze ablaufen soll“, hatte Bismarks Bürgermeisterin Annegret Schwarz der AZ bereits im Januar gesagt. „Die hohen Temperaturen töten doch auch alles andere am und unterm Baum ab“, vermutete sie. Ihre Zweifel wiederholte die Christdemokratin erst kürzlich im Stadtrat. Die Einheitsgemeinde will dem EPS weiter zusetzen. Zur Bekämpfung der giftigen Raupe und der Finanzierung auch im Jahr 2020 ist eine Vereinbarung mit der Landkreisverwaltung unterzeichnet worden. Eine Förderung von mehreren 10 000 Euro ist möglich, Geld kommt auch vom Land. Voraussichtlich im Mai soll es der Raupe gezielt an den Kragen gehen.

„Wenn man mit Heißschaum in den Baum geht, werden ja nicht nur die Raupennester abgesaugt wie sonst beim mechanischen Verfahren, sondern auch Blätter, Äste und Rinde angesprüht“, macht Stendals Nabu-Kreisvorsitzender deutlich. An und unter der groben Rinde und natürlich auch in den Zwischenräumen säßen sehr viele verschiedene Insekten. „Unter anderem sämtliche kleinen Baum-Ameisennester, wo die Kolonien oft nur wenige Dutzend bis Hundert Individuen umfassen“, teilt Neuhäuser im Tangermünder Ortsteil Buch auf Anfrage der AZ weiter mit. Auf den Punkt gebracht: All die Insekten würden vom heißen Schaum direkt beziehungsweise vom herunter laufenden Substrat geschädigt.

Stieleichen, auch als Hartholzauenbäume bekannt, seien jeweils ein eigener Mikrokosmos. Circa 500 verschiedene Arten, vornehmlich Insekten, leben laut Nabu-Chef unmittelbar an beziehungsweise von der Stieleiche. Neuhäuser nennt mit Großem Eichenbock und Hirschkäfer die vielleicht größten und markantesten Vertreter. Sie und andere mehr seien vom Aussterben bedroht und stünden auf der Roten Liste. Rotsehen die Menschen beim EPS, weil die Gifthaare der Raupe nicht zuletzt allergische Reaktionen hervorrufen können. Bekämpft wird vom Boden aus und sogar aus der Luft. In der Regel sind es dann Hubschrauber, die zugelassene Pflanzenschutzmittel gegen den EPS ausbringen.

Deutliche Worte gegen die Heißschaum-Methode oder auch Heizwasserschaum-Methode beim EPS kommt auch aus der Branche selbst. Rechtliche Schlupflöcher und die Unkenntnis vieler öffentlicher Auftraggeber würden ausgenutzt, meint Mario Thomas, Geschäftsführer eines Fachbetriebs zur Schädlingsbekämpfung, der sich seit Jahren auf die biologische Heizwasser-Unkrautbekämpfung spezialisiert habe und Niederlassungen in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen hat. „Durch unseren Einsatz mit kochendem Wasser in der Umwelt wissen wir über Gefahren sehr gut Bescheid. Unkräuter und Sträucher, aber auch Insekten sterben in Kontakt mit diesen heißen Temperaturen sofort ab.“

VON MARCO HERTZFELD  

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