Eigener Schulherd lässt nicht kalt

Immer mehr Kinder meiden Mittagstisch: Bismark sucht neue Wege

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Ob eine Schulspeisung angeboten werden sollte und wie diese aussehen muss, darüber gehen die Meinungen in der Republik auseinander. Im Landkreis Stendal sind kommunale Schulküchen die Ausnahme.

Bismark – In der Einheitsgemeinde Bismark wird über eine kommunale Schulküche nachgedacht.

„Auch wenn ich selbst nicht zu 100 Prozent davon überzeugt bin, würde ich mich nicht querstellen und ein solches Projekt nicht von vornherein ablehnen“, sagt Annegret Schwarz (CDU).

Landkreisweit sinkt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die an der Schulspeisung teilnehmen. Die Sekundarschule Bismark bildet noch einmal eines der Schlusslichter. Die Bürgermeisterin will das Thema in den Stadtrat tragen. „Egal, was am Ende dabei herauskommt, eines muss uns schon jetzt klar sein, eine eigene Schulküche gibt es nicht zum Nulltarif. “ Sie aufzubauen, einzurichten und zu betreiben, kann schnell in die Millionen Euro gehen. Und dennoch: „Wir sollten allesamt ernsthaft darüber reden. “.

Immer weniger Schüler setzen sich an den Mittagstisch. Das zeigt eine Studie, die aktuelle Zahlen mit denen aus 2014 verglichen hat und die Vize-Landrat Dr. Denis Gruber (SPD) kürzlich im Kreisschulausschuss vorgestellt hat. Der Rückgang liegt insgesamt bei etwa vier Prozent. In den landkreislichen Gemeinschafts- und Sekundarschulen nehmen etwas mehr als elf Prozent an der Schulspeisung teil, vor fünf Jahren waren es noch 15,5 Prozent.

Die Zahl für die Gymnasien liegt knapp unter der 20er-Marke. In den Grundschulen, die sich in Trägerschaft der Kommunen befinden, sind es keine 60 Prozent der Kinder. Der Landesdurchschnitt liegt bei allen Schularten jeweils etwa um zehn Prozent höher. Der Fachausschuss mit Edith Braun (Pro Altmark) an der Spitze will nach den genauen Ursachen forschen.

Eigene Küchen führen nur zwei Kommunen. Die Einheitsgemeinde Tangerhütte betreibt eine Schulküche in Lüderitz, die es schon in der DDR gab. Die Einheitsgemeinde Osterburg baut ihre in Flessau neu auf. Etwas mehr als 90 Prozent aller 44 befragten staatlichen Schulen im Landkreis haben die Warmverpflegung. Der große Teil setzt auf externe Anbieter, die Speisen werden angeliefert und bis zur Ausgabe warm gehalten. Schwarz kennt die Zahlen, sie ist Mitglied im Kreisschulausschuss. In der Einheitsgemeinde Bismark gibt es die Sekundarschule und die Grundschule in der Kernstadt und die Grundschule in Schinne, für die beiden letztgenannten Einrichtungen ist die Bürgermeisterin direkt zuständig. „Wir werden uns die Daten genau anschauen.“

Annegret Schwarz (CDU), Bürgermeisterin.

Gerade einmal acht Prozent der Bismarker Sekundarschüler nehmen an der Essensversorgung teil. Damit gehört die Bildungsstätte zu den Schlusslichtern. Die beiden Grundschulen bewegen sich in ihrem Bereich weiter vorn, doch auch da sieht Schwarz noch Potenzial. Die Bürgermeisterin will mit allen Schulleitungen und den Elternvertretungen reden und ausloten, was machbar ist und was nicht. Die angekündigte Mensa könnte in der Sekundarschule ja schon einiges bewegen, glaubt Schwarz im Gespräch mit der AZ. Der Mehrzweckraum soll, wie bereits berichtet, womöglich schon ab 2020 auf dem Hof errichtet werden. Grundsätzlich, das betont die Stadtchefin auch, müssten nun wirklich nicht alle Schüler am Essen teilnehmen. „Eine Zahl von auch nur annähernd 100 Prozent ist utopisch.“

Landkreis und Kreisschulausschuss wollen ins Detail gehen und denken über anonyme Befragungen der Schülerschaft nach. Bismarks Bürgermeisterin will zudem ihre Hausaufgaben erledigen, das Gespräch in den Schulen und im Stadtrat suchen. „Eine einzige und einfache Erklärung gibt es nicht“, glaubt sie, bereits zu wissen.

„Vielleicht kocht bei vielen ja auch Oma daheim und die Kinder essen deshalb nicht warm in der Schule.“ Sollte der Abwärtstrend mit den Anbietern und der Qualität des Essens zusammenhängen, müsse man dort ansetzen. Inwieweit das Essensgeld eine Stellschraube wäre, kann und will die Bürgermeisterin momentan nicht sagen. Auch bei einer möglichen kommunalen Schulküche ins Detail zu gehen, ergebe nur Sinn, „wenn in Ruhe gesprochen wurde“.

Edith Braun, Vorsitzende des Kreisschulausschusses, schätzt die Entwicklung als dramatisch ein. Schon im Frühsommer hatte die frühere Sozialdemokratin in der AZ mehr Schulküchen und ein möglichst kostenfreies Essen gefordert. Die Lüderitzerin wünscht sich flächendeckend Schulküchen und würde am liebsten die gesamte Essensversorgung im Landkreis Stendal umkrempeln.

„Kinder ernähren sich oft ungesund und greifen immer häufiger zu Fast Food“, meinte sie schon damals. Konkrete Zahlen dazu könnten vielleicht auch die aktuelle Diskussion in Bismark und anderswo bereichern. Der Versorgung durch externe Anbieter wollte und konnte sie nicht überall im Landkreis ein schlechtes Zeugnis ausstellen, all zu viel Gutes will sie aber noch nie und nirgends darüber gehört haben.

VON MARCO HERTZFELD 

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