Familie Wu kocht auf Sparflamme

China, Virus und böses Blut: Döllnitzer Restaurant kämpft ums Überleben

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Die Stühle draußen sind ineinander gestellt und auch im Restaurant herrscht Ruhe. Xue Mei Wu und ihre Tochter Jing Jing schauen in Döllnitz unsicheren Zeiten entgegen.

Döllnitz – „Wir haben viel Kraft. Und Geld ist auch da“, gibt sich die 45-jährige Xue Mei Wu stark. Die Coronakrise setze dem China-Restaurant in Döllnitz zu, sicherlich.

Die Behälter sind leer und blitzeblank. In normalen Zeiten zieht das Büfett zahlreiche Gäste an. Fotos: hertzfeld

„Doch wir sind auf alles gut vorbereitet und überstehen das Ganze“, pflichtet ihr Tochter Jing Jing (18) bei. Seit Dienstag ist der Birnengarten geschlossen. Gäste saßen in letzter Zeit sowieso weniger an den Tischen, die Einnahmen fehlen nun aber vermehrt. Die Familie hat es aus Asien in die Fremde gezogen. „Wir wollen hier bleiben, die Nachbarschaft ist toll“, schwärmt die Mutter auch für ihren Ehemann, Koch und Lokalbesitzer Xiao Dong. Am Ende des Gesprächs mit der AZ wird sie ihr Herz mehr ausschütten, Jung wie Alt haben Sorgen, ja Existenzängste.

Jing Jing schießen die Tränen in die Augen, sie erinnert sich an Flüche und böse Worte auf der Straße. Das Mädchen besucht das Winckelmann-Gymnasium in Stendal. Auf dem Weg vom und zum Hauptbahnhof seien ihre Schwester und sie mehrmals beschimpft worden. „Nicht von Schulkameraden oder anderen Leuten des Gymnasiums“, zeigt sich die Elftklässlerin schon wieder taff. „Mal hieß es: ,Scheiß Chinesen’, ein weiteres Mal zum Beispiel: ,Ihr habt den Virus hergebracht, haut ab!’ Anderes war noch derber.“ Jing Jing spricht perfekt Deutsch, warum auch nicht?! Der Mutter kommt die Sprache nicht so leicht über die Lippen. Dafür reicht es aber allemal, wenn sie sagt: „Ich beschütze meine Kinder.“

Dass Chinesen ein China-Restaurant in Deutschland betreiben, sei weniger verbreitet als gedacht. Oft seien es Vietnamesen, in Döllnitz soll es früher nicht anders gewesen sein. Seit gut drei Jahren gehört der Komplex der Familie Wu. Gerade das sogenannte Büfettessen hat Eigentümer und Mitarbeiter über den Bismarker Ortsteil hinaus bekannt gemacht. „Papa ist ein guter Koch, Mama kann nicht kochen“, rutscht es Jing Jing heraus. Beide müssen herzhaft lachen. Das Mädchen hat insgesamt drei Geschwister, die 17-jährige Schwester, ebenfalls Gymnasiastin in Stendal, einen Bruder und einen Halbbruder. Letztgenannter will Polizist in Hamburg werden. Jing Jing ist mächtig stolz.

Die Familie stammt nicht zuletzt aus der Großgemeinde Xingtian, einigte Autostunden von der Küstenmetropole Shanghai entfernt. Die Region Wuhan, die in den vergangenen Wochen wegen des Coronavirus weltweit traurige Berühmtheit erlangt hat, befindet sich weiter weg im Inneren des kommunistischen Riesenreiches. Bekannt sei ihre alte Heimat für die Birnenblüte, der Name des Restaurants dürfte deshalb kein Zufall sein. Zum Jahreswechsel besuchte Mutter Xue Mei die Verwandten in China. „Nach ihrer Rückkehr isolierte sie sich zu Hause selbst, ich sah sie wochenlang nicht. Sie wurde auf den Virus getestet, der Arzt untersuchte sie, nichts. Und doch wurde sie von einigen hier und dort schief angesehen“, berichtet die Tochter.

Schwamm drüber, die Herrin des Hauses macht eine eindeutige Geste. Viel bewegen kann und will die Familie momentan nicht. Das Restaurant ist dicht, ein Zettel an der Eingangstür spricht von Gästen und Mitarbeitern, die in der Coronakrise geschützt werden müssten. Eine Zwangspause, die auch wegen unterbrochener Lieferwege nötig sei. Es fehlen ganz aktuell vor allem die typischen Gewürze, die der Koch von einer Importfirma in Berlin bezieht. Die Essensbehälter in den beiden großen Räumen sind leer und spiegelblank, ein Büfett scheint ihnen für Woche und vielleicht Monate unmöglich. Ganz kalt bleibe die Küche zumindest derzeit noch nicht, einzelne Bestellungen nehme der Vater an.

Dass sie das Restaurant einmal übernehmen werde, Jing Jing glaubt nicht daran. Es gab eine Zeit, da wollte die junge Frau Dolmetscherin für Chinesisch und Deutsch werden. Das Problem: „So richtig Chinesisch kann ich gar nicht“, gesteht sie ein und lacht. Nach dem Abitur sollte es für mindestens zwei Jahre nach China gehen, um die Sprache zu lernen. Mittlerweile ist sich Jing Jing aber nicht mehr so sicher, was einmal aus ihr werden soll. „Ein guter Mensch auf jeden Fall“, sagt die 18-Jährige und grinst. Der richtige Beruf sei einfach noch nicht gefunden. Seit dieser Woche ist auch für sie erst einmal Selbststudium daheim angesagt, die Schulen in Sachsen-Anhalt sind wegen Corona geschlossen.

VON MARCO HERTZFELD 

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