Ost-Fußballklub bewegt die Altmark

Klädener fiebert mit Union Berlin

John Völtzke zeigt in seiner Fanecke in Kläden ein Trikot mit der Aufschrift des Fußballklubs 1. FC Union Berlin
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John „Jonny“ Völtzke in der Fanecke im Gästezimmer. Der 56-Jährige hält fest zu Union. Dass zuletzt das eine oder andere Spiel verloren ging, ändert daran natürlich nichts.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Eisern Union in der Altmark: John Völtzke hält die Fahne des 1. FC Union Berlin in Kläden hoch. Der Mittfünfziger hat daheim sogar eine Fanecke. Der Traditionsklub aus der Bundeshauptstadt befindet sich in der Erfolgsspur, auch wenn zuletzt das eine oder andere Spiel verloren ging.

  • 56-Jähriger macht Bismarker Ortschaft im Landkreis Stendal zur Union-Hochburg
  • 1. FC Magdeburg, Lok Stendal und Bayern München punkten bei ihm nicht
  • Spiele auf europäischer Ebene nicht ausgeschlossen

Kläden – Natürlich hat sich John Völtzke fein gemacht. Schon die Sportklamotten zeigen, was in Kläden Sache ist. Der 56-Jährige ist glühender Anhänger des 1. FC Union Berlin. Der Traditionsklub aus dem Osten erlebt in Fußballdeutschland momentan einen regelrechten Höhenflug. Selbstverständlich kann er die Vereinshymne „Eisern Union“ quasi im Schlaf singen. „Die Altmark gehört ja eigentlich zur Mark Brandenburg“, will er einem milde lächelnd weismachen. „Die Geschichte ist auf meiner Seite. Und überhaupt: Mir war Berlin-Brandenburg schon immer näher als Sachsen-Anhalt und Magdeburg.“ Der waschechte Altmärker macht die Bismarker Ortschaft zu einer Union-Hochburg.

Union sei vom Gefühl her vielleicht so etwas wie der FC St. Pauli des Ostens. Verbundenheit und Leidensfähigkeit seien ähnlich groß. Völtzke weiß auch von keinen großartigen Problemen zwischen den Fans. „Union ist ein Verein für alle, für den Arbeiter genauso wie für den Chefarzt.“ Beide Klubs haben namhafte Konkurrenz gleich vor der Haustür, St. Pauli den HSV und die Eisernen aus Köpenick die Alte Dame Hertha BSC. „Den Big-City-Club von Berlin“, meint der Klädener und grinst. Wer es nicht weiß: Union liegt in der Bundesliga derzeit deutlich vor Hertha, die zwei Hamburger Vereine laufen eine Etage tiefer in der 2. Bundesliga auf. „Man schwebt schon irgendwie auf Wolke sieben.“

John Völtzke seit Mitte der 80er-Jahre Feuer und Flamme

Dass der Ball in den drei Profiligen rollen darf, während das gesellschaftliche Leben wegen Corona ansonsten ruhen muss, findet der Altmärker nicht verkehrt. „Klar, es geht auch ums Geld, doch Spitzenfußball kann vielen Menschen über anderes hinweghelfen, er gibt Kraft über das Spielfeld hinaus.“ Zuschauer dürfen nicht ins Stadion und ohne sie fehle auch ihm vorm Fernseher „die richtige Atmosphäre“. Doch es bleibe immer noch genug übrig. Für die Eisernen ging es schon in der DDR mal rauf, mal runter, nach der politischen Wende war der Verein irgendwann nur noch fünftklassig. 2018/19 dann der Aufstieg in die höchste Liga.

Der gelernte Wirtschaftskaufmann, den früher viele auch als Berufs-DJ und Karnevalisten kannten, hat sich in Kläden schon immer für das große Ganze interessiert. In den 1990er-Jahren war er Bürgermeister und als ganz junger Mann bewegte er sich auch aktiv auf dem sportlichen Feld, Völtzke war Schiedsrichter. Später mischte er lange im örtlichen Verein mit und leitete die Abteilung Fußball. Die große Liebe zu Union begann so richtig wohl bereits 1986. Er stand auf der Tribüne eines Berliner Stadions zwischen Anhängern von Union und Lok Leipzig. „Ein wirklich prägendes Erlebnis.“ Im Vorspiel des FDGB-Pokalfinals kickten Lok Stendal und Chemie Leipzig gegeneinander, weil sie 20 Jahre zuvor im Finale standen, ein Traditionsmatch.

Berliner Spielfeld liegt ihm näher

Danach ging es häufig mit dem Zug nach Berlin. „Das war damals noch eine Tagesreise, wir mussten ja um die Grenze herum.“ Die Lok aus Stendal hält Völtzke immer noch für wichtig, aktuell im Landkreis Stendal. Vor einigen Jahren war er noch regelmäßig im Stadion am Hölzchen. Was dem 1. FC Magdeburg gelinge, verfolge er noch aus dem Augenwinkel mit, meint er verschmitzt. Die Elbestädter dümpeln momentan in der 3. Liga weit hinten vor sich hin. „50 Prozent der Fußballfreunde in der Altmark halten zum FCM. Bayern München und der HSV haben auch große Fangemeinden. Unions Anziehungskraft lässt sich schwer beurteilen, vielleicht sind es zehn bis 15 Prozent.“

Völtzke, der als Seniorenbetreuer in einer Klädener Einrichtung arbeitet, bringt es auf 100 Prozent. Anfang der 1990er-Jahre ist er in den Verein eingetreten. Als Union in der 2. Bundesliga unterwegs war, fuhr der Klädener zu vielen Heimspielen. Das eine oder andere Mal schaffte er es in den VIP-Bereich und stand am Tisch beispielsweise neben Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, Pierre Littbarski und Falko Götz. Um an eines der begehrten und relativ teuren Tickets zu kommen, half ein Bonussystem: Völtzke ist mehr als zwei Jahrzehnte Mitglied, besitzt eine Alte-Försterei-Aktie und ja, er gilt als „Exil-Unioner“. Diese halboffizielle Bezeichnung gebe es tatsächlich.

Fußball soll auch in Coronazeiten rollen

Der Altmärker lächelt immer wieder verschmitzt, Leidenschaft sei wichtig, Fanatismus habe im Fußball nichts zu suchen. Mit der Stadion-Aktie der Vereinsmitglieder wurde vor gut zehn Jahren ein Teil des Tribünenneubaus finanziert. Auch packten Fans frühzeitig und freiwillig mit an, die Bilder sorgten für Schlagzeilen. Mit einem Fassungsvermögen von etwa 22 000 Zuschauern gilt die Alte Försterei als größtes reines Fußballstadion in Berlin, es soll weiter ausgebaut werden auf 34 000. Union scheint in der Erfolgsspur, Völtzkes Kumpel in Berlin schicken Nachrichten, in denen von europäischen Wettbewerben die Rede ist und von Kartenkäufen für das Mailänder Stadion San Siro, mit Augenzwinkern.

„Spiele auf europäischer Ebene wären schön, egal in welchem Wettbewerb. Wenn es nicht gelingt, ist es auch nicht schlimm.“ Wichtig sei, dass der Verein im Südosten Berlins solide arbeite. Fastpleiten habe es in der Geschichte schon einige gegeben, auch Corona bleibe gerade für diesen Klub eine Herausforderung. Für den 27. Januar ist eine virtuelle Mitgliederversammlung angesetzt. Völtzke wird dann mit seinem Laptop in Kläden sitzen und alles genau mitverfolgen. „Spieler kommen in der Regel ablösefrei oder werden ausgeliehen, auch gibt Union selbst selten Spieler ab, es gibt eher langfristige Verträge.“ Der Altmärker sieht eine kluge Personal- und Finanzpolitik.

Stadionaktie, VIP und ein Marktfund

Ein Spiel der Unioner in der 1. Bundesliga konnte Völtzke im Stadion übrigens noch nicht leibhaftig miterleben. Wegen des Andrangs habe der Verein Karten unter den Mitgliedern verlost. „Ich hatte einfach noch kein Losglück.“ Und nun setzt Covid-19 ja sowieso allen Grenzen. „Ich gebe da nicht auf, das wird schon“, sagt der 56-Jährige und führt die AZ zur Fanecke im Gästezimmer. „Meine Gattin Grit hat sie mir vor Kurzem eingerichtet, sie ist handwerklich einfach begabter als ich.“ Ganz uneigennützig dürfte die Ehefrau aber auch nicht gehandelt haben. Vorher sollen die Devotionalien des Fußballfreundes ja ziemlich zerstreut und an vielen Stellen des Familienhauses gestanden haben.

Union-Maskottchen Ritter Keule, Schals in den Vereinsfarben, ein beleuchtetes Logo aus Plastik, der Mannschaftsbus in Miniatur, die besten Spieler in Bildern, ein Druck von der Alten Försterei, Live-Gesänge aus dem Stadion und anderes mehr sind dort zu finden. Wenige Dinge haben ihren Platz weiterhin woanders, so zum Beispiel eine Handvoll Holzfiguren, der Matroschka ähnlich, in der Wohnstube. Die Puppen tragen das Union-Wappen. „Ob man es glaubt oder nicht, gekauft habe ich sie in Prag, Tschechien.“ Eine Schmiedearbeit draußen im Freien weist ebenfalls auf Union hin. Er habe sie vor Jahren quasi um die Ecke beim Steinfelder Bauernmarkt erstanden. „Union ist eben überall.“

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