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Zeitreise in DDR: Bismarker Heimatverein ordnet Fotosammlung

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Von: Marco Hertzfeld

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Heimatfreunde aus Bismark schauen in Fotoalben.
Vereinsvorsitzende Ruth Rothe (l.) und Vorstandsmitglied Renate Pieper stöbern in Alben. Die Frauen leben schon Jahrzehnte in Bismark. Deshalb kennen sie noch lange nicht jedes Gesicht auf den Schwarz-Weiß-Bildern. © Marco Hertzfeld

Der Bismarker Heimatverein will eine Fotosammlung ordnen und einzelne Motive besser beschreiben. Dabei sollen Bürger helfen. Eine Zeitreise in die DDR.

Bismark – Heinz-Jürgen Schulz, von Beruf ja eigentlich Malermeister, sei so etwa wie der Haus- und Hoffotograf von Bismark gewesen. Vornehmlich in den 1980er-Jahren und auch noch in dem Jahrzehnt danach hielt er mit der Kamera vieles von dem fest, was die Stadt ausmachte. Naturgemäß fällt das Schlaglicht damit auf die DDR und die Nachwendezeit. Hunderte Aufnahmen hegt und pflegt der Heimatverein im Bürgerhaus. Nach und nach werden die Fotografien, fast ausschließlich in Schwarz-Weiß, nun den Einwohnern präsentiert, um diese besser einordnen und aussagekräftig beschriften zu können. „Wer ist das eigentlich wann und wo? Diese Fragen stellen selbst wir uns häufiger“, sagt Renate Pieper, Vorstandsmitglied des Heimatvereins, der AZ. Vorsitzende Ruth Rothe, auch Linken-Ortsbürgermeisterin, nickt schmunzelnd.

Schulz sorgt für Hunderte Bilder

Die Zeit rase nur so dahin, zumindest fühle es sich so an, meinen die Heimatfreunde. Der Umbruch im Osten sei gut drei Jahrzehnte her, genauer hinzuschauen und zu dokumentieren, sei durchaus angesagt. Zumal Zeitzeugen nicht ewig lebten und die Welt sich nun einmal weiterdrehe. Sportveranstaltungen, Kulturtreffen, Rentnerrunden, Betriebsfeiern, Straßenfeste und anderes mehr hielt Schulz fest. 17 große und sieben kleine Fotoalben zählt Pieper auf die Schnelle. Zur Sammlung Bismarker Zeitgeschichte gehören auch mehrere große Boxen mit Farbfotos, die sich aber nicht so einfach dem Stadtfotografen, 2011 verstorben, zuordnen lassen. Eine Auswahl älterer Fotos wurde 2018 auf Plakate gebracht und einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt. „Bereits da herrschte mitunter Rätselraten über so manche Person. Und natürlich kam es auch zu Aha-Momenten und netten Episoden, wenn Menschen auf den Bildern erkannt wurden“, berichtet Vereinschefin Rothe.

Ähnliche Reaktionen habe es kürzlich beim Wiedersehen ehemaliger Klassenkameraden gegeben. Die Vereinsmitglieder, die nicht zuletzt die Heimatstube im Bürgerhaus betreuen, hatten Alben ausgelegt, mit der Bitte, bei Identifikation und Einordnung der verschiedensten Motive zu helfen. Nun ja, allzu große sei die Ausbeute an diesem Tag nicht gewesen. Am morgigen Sonnabend (9. Juli 2022) soll Auftakt für eine ganze Reihe sein. Zwischen 14 und 16 Uhr liegen die Fotoalben unten im Versammlungsraum aus. Bei einem Plausch lässt sich auf Zeitreise gehen, dazu gibt es Kaffee und Gebäck. Nach den Sommerferien könnten ab September weitere Treffen stattfinden. Es soll immer eine Vorauswahl getroffen werden, alle Bilder auf einmal zu zeigen, ergebe keinen Sinn.

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Leben in Schwarz-Weiß/Republik-Alttag gern beleuchten:
Diesen altmärkischen Heimatfreunden geht es nicht um politische Kampfbegriffe wie Unrechtsstaat und kommunistische Diktatur. Wichtig scheint ihnen das ganz normale Leben, der Alltag der Menschen. Um zu wissen, dass dieser Alltag nun einmal unter anderen Bedingungen stattgefunden hat, dazu muss niemand Politologie oder Geschichtswissenschaft studiert haben. Diese Arbeit an der Basis kann durchaus wichtig sein. Möglichst frei von irgendwelcher Ideologie sollte dort die Erinnerung an diese Republik wachgehalten werden. Und dabei helfen kleine Projekte wie das in Bismark. Wer diesen realsozialistischen Staat erleben durfte oder musste, kann erkennen und lernen helfen. So oder so. 

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