Neuer Lesestoff trotz Corona nur alle halbe Jahre / Gemeinde erhält Kabine

Bücherzelle in Schönfeld kaum frischer als sonst

Die Zelle in Schinne steht vorm Domizil des Karnevalsvereins. Ein Zettel weist Nutzer auf Ordnung und Sauberkeit hin.
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Die Zelle in Schinne steht vorm Domizil des Karnevalsvereins. Ein Zettel weist Nutzer auf Ordnung und Sauberkeit hin.

Schönfeld – „Wir sind beide über 70, daran ändert auch Corona nichts“, meint Prof. Hans-Jürgen Kaschade im AZ-Gespräch leicht bärbeißig. Dass Virus und Beschränkungen des öffentlichen Lebens mehr Menschen zum Buch greifen lassen könnte, glaube er ja gern.

Die mittlerweile knapp 40 Stützpunkte der Büchertauschzentrale im Landkreis und darüber hinaus häufiger mit neuem Lesestoff auszustatten, sei dennoch einfach nicht drin.

Im Wesentlichen erledigen das Mitstreiter Ottfried Schlangstedt und Kaschade höchstselbst alle halbe Jahre. Eine neue Anlaufstelle soll in Schönfeld geschaffen werden. Wann genau, das ist noch offen.

Initiator Prof. Hans-Jürgen Kaschade in der Büchertauschzentrale in Stendal. Das Angebot ist vielfältig.

Damit wird eine Erfolgsgeschichte fortgeschrieben. Ein Stützpunkt kann ein Regal beispielsweise in einem Café oder einer Jugendeinrichtung sein. Viel häufiger aber werden ausrangierte Telefonzellen an Straßen und auf Plätzen aufgestellt. Ein Antrag aus Schönfeld liegt bei der Kaschade-Stiftung vor. Geschäftsführer Christian Müller hat momentan mindestens sechs Anträge in der Bearbeitung. Zwei Telefonzellen seien bereits gesäubert und hergerichtet und stünden zur Abholung im Zentrallager der Telekom in Berlin bereit. „Corona bringt aber momentan viele Zeitpläne durcheinander.“

Zwei Zellen sind fertig, zwei andere bestellt, zwei weitere könnten es noch werden. Noch vor dem Herbst soll ein Großteil davon aufgestellt sein. „Eine in Schönfeld, eine in Bölsdorf, eine in Gardelegen ...“ Die AZ erwischt Müller zwischen Tür und Angel. Die nächsten Tage könnten die Pläne wieder konkreter und verlässlicher werden. Corona hin, Corona her, Stiftung und Büchertauschzentrale in Stendal nehmen weitere Anträge auf. Nicht zuletzt an der Weberstraße lagern viele Tausend Bücher der unterschiedlichsten Genres. Vom Kinderbuch über den Bildband bis zur Fachlektüre ist vieles vorhanden.

„Die erste Telefonzelle haben wir 2014 gekauft“, will sich Kaschade erinnern. „Premiere feierten wir in Groß Schwechten.“ Der Professor ist sich da aber nicht so sicher. „Es ist schließlich schon eine beachtliche Anzahl geworden.“ Für den Raum Bismark zählt er auf: „Schinne, Kläden, Darnewitz, Schernikau, Garlipp ...“ In diesen Orten haben Bücherfreunde einen Anlaufpunkt oder sollen einen bekommen. Kaschade findet die Zelle immer besser als das Regal zum Beispiel in einem Café. „Die Bücherzelle hat immer geöffnet, 24 Stunden rund um die Uhr, das hat doch eindeutig Vorteile.“

Die Bücherzellen würden selbst den Bücherbus des Landkreises ausstechen, der nur zu bestimmten Zeiten in einzelnen Orten Station macht. Eine Bücherzelle kostet gut 1000 Euro, die Stiftung übernimmt Anschaffung, Transport und damit gut zwei Drittel der Ausgaben. Den Rest muss der Antragsteller tragen, es geht dann in der Regel vor allem noch um das Fundament. Ihm gehöre dann die Bücherzelle. Und warum das Ganze? „Jeder Bürger hat jederzeit Zugang zum Buch, kann lesen und sich informieren. Viel klüger und gerechter kann ein Grundgedanke doch nicht sein“, meint Kaschade im AZ-Gespräch.

Der Professor ist ein Grenzgänger, er lebt hauptsächlich in Niedersachsen und dann wieder einige Zeit in Sachsen-Anhalt. Kaschade hat die Hochschule in Magdeburg und Stendal maßgeblich mit aufgebaut. Einige Jahre führte er das Existenzgründerzentrum in Stendal. Er baute ein Literaturhilfswerk in der Hansestadt auf und lieferte deutschsprachige Bücher nicht zuletzt an Schulen in Osteuropa. 2017 wurde Kaschade die Stendaler Ehrenbürgerschaft verliehen. Im Sommer feiert er seinen 80. Geburtstag. Bis dahin könnte zumindest in einigen Bücherzellen der Lesestoff aufgefrischt sein.

VON MARCO HERTZFELD 

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