Tag der Befreiung soll zu mehr Diskussionen anregen

Ortsbürgermeisterin sieht 8. Mai als Antikriegstag

Ruth Rothe legte am 1. März einen Kranz am Gedenkstein des Ehepaares Hampel nieder.
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Auch das Ehepaar Hampel aus Bismark, das sich gegen den Nationalsozialismus wehrte, hat mit dem Tag der Befreiung am heutigen 8. Mai zu tun, findet Ortsbürgermeisterin Ruth Rothe (r.).
  • Lisa Maria Krause
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„Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir“ heißt es in einem Kinderlied aus der DDR. „Das Lied ‘Kleine Weiße Friedenstaube’ ist bis heute gültig“, findet Ruth Rothe.

Bismark - Die Taube solle auch heute um die Welt fliegen. Zum Anlass des heutigen Tages der Befreiung sprach die Bismarker Ortsbürgermeisterin mit der AZ über Frieden, Erinnerung und die derzeitige Lage in der Welt.

Der Tag der Befreiung am 8. Mai markiert den Tag, als die deutsche Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 bedingungslos kapitulierte. In vielen europäischen Ländern gilt er als Gedenktag, auch zur Befreiung vom Nationalsozialismus.

„Manche bezeichnen ihn auch als Tag der Niederlage, der Kapitulation. Sie leugnen den Antisemitismus und verherrlichen den Faschismus. Das tut mir in der Seele weh“, erklärt Rothe. Schließlich werde am Tag der Befreiung auch den verstorbenen Soldaten gedacht. „Ich finde, man sollte beiden Seiten gedenken. Den Soldaten der Alliierten, die für die Befreiung ihr Leben gegeben haben, aber auch den Soldaten, die für etwas gestorben sind, an das sie nicht glaubten.“

Für die Ortsbürgermeisterin, die sich auch in ihrer Position als Vorsitzende des Bismarker Heimatvereins Goldene Laus viel mit Geschichte beschäftigt, ist dieses Datum mehr als nur der Tag, an dem ein Abkommen geschlossen wurde. „Der Faschismus wurde damit besiegt, denn das ging ja in ganz anderen Bahnen weiter.“

Sie finde es wichtig, dass es diesen Gedenktag gibt. „Aber generell muss es kein Feiertag sein“, wie immer wieder diskutiert wird. „Angefangen mit dem Tag der Arbeit am 1. Mai, der ja revolutionär ist, sollte eigentlich bis zum 8. Mai mehr über Krieg und Frieden und unsere Vergangenheit diskutiert werden“, erklärt Rothe. Warum? „Die Menschen sollten darüber nachdenken, warum es immer noch Länder gibt, in denen Krieg herrscht. Ich verstehe nicht, warum Länder immer wieder in den Kampf ziehen und andere Gebiete erobern müssen.“ In jedem Krieg wolle das Volk nur in Ruhe leben und das eigene Leben gestalten.

„Es ist nicht menschlich, etwas zu erobern. Schon in der DDR gingen die Soldaten in andere Länder, um dort zu helfen, Regime zu stürzen“, behauptet die Ortsbürgermeisterin. Gerade in Afghanistan, das sie als Beispiel für heutige Friedensstiftungen der Bundeswehr heranzieht, werde nun, da die Truppen abgezogen werden, ein Scherbenhaufen hinterlassen. „Dort hat sich nichts geändert. Und wenn die Armee weg ist, regieren wieder die Taliban.“ Das sei wie die Kreuzzüge im Orient, wo es geheißen habe, das Heilige Land müsse befreit und gegen Ungläubige verteidigt werden. „Wozu das Ganze? Für nichts und wieder nichts!“ Im Tag der Befreiung sieht Rothe demnach auch einen Antikriegstag. „Wie der 1. September, der Weltfriedenstag. Schließlich wurde am 8. Mai der größte Krieg bisher beendet.“ Der 1. September 1939 war der Beginn des Zweiten Weltkrieges, als die deutsche Wehrmacht in Polen einfiel.

Dass der 8. Mai kaum in der Bevölkerung wahrgenommen wird, bedauert Rothe. „Bismark ist eine politisch relativ ruhige Gegend. Politiker vertreten mehr Bürger- als Parteieninteressen. Der 8. Mai ist sehr still.“ Dennoch plane sie, wie schon in den Vorjahren auch heute die Schale vor dem Soldatendenkmal auf dem Bismarker Friedhof zu erneuern.

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