Hilfe zur Selbsthilfe in Afrika

Altmärkerin gründet Verein und zieht nach Malawi

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Ziehen für Afrika an einem Strang: Susanne Friedrich und Thomas Demmig stehen für die AZ nahe der Goldenen Laus. Demmig ist in der Erwachsenenbildung tätig.

Bismark – Sie hätte in ihrem Job weiter Karriere machen können. Doch Susanne Friedrich will im afrikanischen Malawi Menschen helfen. Ihr Verein Grüner Funke hat seinen Sitz in Bismark.

„Ich habe viel gearbeitet, gut verdient, der Job war sicher. Doch das ist eben nicht alles.“

Nkhata Bay von einer Drohne aus aufgenommen. In der Stadt am Malawisee setzt eine gemeinnützige Organisation aus Bismark mehrere Projekte um.

Susanne Friedrich sitzt am Tisch ihrer Eltern in Bismark. Viel mehr als zwei Koffer mit den wichtigsten Dingen darin besitzt sie nicht mehr. Die 34-Jährige verlässt Deutschland und wird für unbestimmte Zeit in Malawi leben. Ihr Flieger startet am Donnerstag um 18.35 Uhr in Hamburg. Im Südosten Afrikas will die Wirtschaftsingenieurin aus der Altmark Entwicklungshilfe leisten. Sie nennt es lieber „Hilfe zur Selbsthilfe“ für Menschen in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. „Ich bin nun einmal eine Idealistin und versuche, die Welt zu verändern. Es läuft einiges schief, ich kann es einfach nicht dabei belassen.“

Thomas Demmig sitzt neben seiner Stieftochter. Vor 20 Jahren ist er für die große Liebe Annegret und deren zwei Kinder ganz von Leipzig in den Norden Sachsen-Anhalts gezogen. „Wir sind glücklich, wenn Susanne glücklich ist“, sagt er tapfer, wohl wissend, dass sich alle bald für lange Zeit ein letztes Mal in die Arme nehmen können. Im Februar ist die gemeinnützige Organisation Green Spark, Grüner Funke, aus der Taufe gehoben worden. „Wir wollen andere inspirieren und das Motto vorleben“, sagt Friedrich. Sie ist die Erste Vorsitzende, Demmig bildet die zweite Spitze. Der eingetragene Verein hat insgesamt acht Gründungsmitglieder und soll auch Anker in der Heimat sein. Ohne Spenden geht nichts.

Die junge Frau bewegt sich in der Erfolgsspur, beruflich, könnten einige meinen. Etliche Jahre arbeitet sie beim Luftfahrtkonzern Airbus in Hamburg. Das reicht ihr längst nicht mehr. Altmärkerin Friedrich zieht nach Nkhata Bay. Die Stadt im Norden des Landes liegt direkt am Malawisee und hat in etwa so viele Einwohner wie die Einheitsgemeinde Bismark. Die Organisation führt in der Hafenstadt ein Büro, in dem Friedrich wohl auch vorerst wohnen wird. „Das Leben findet dort ohnehin draußen statt. Selbst im Winter herrschen mehr als 20 Grad Celsius.“ Die Bedingungen können für Europäer eine Herausforderung sein. Immerhin: „Das Land ist politisch gut aufgestellt, friedlich und sicher“, sagt sie im AZ-Gespräch.

Hinter dem Grünen Funken stehe keine Partei oder irgendeine andere politische Organisation. Friedrich und Mitstreiter wollen möglichst ohne staatliche Gelder auskommen und setzen auf Menschen, die wie sie überzeugt sind, dass die eigene Welt nicht an Grenzen endet und irgendwie alles zusammengehört. Drei Projekte treibt Friedrich aktuell voran. Da wächst als Erstes der Moringabaum, Hunderte Familien sollen Tausende Exemplare pflanzen. Mit ihrem Kompagnon Ali Alex Ndipo bildet sie 56 Freiwillige in 14 Dörfern aus. Sie lernen, wie aus einem Samen ein Setzling wird, wie Hege und Pflege ablaufen müssen. Hilfe zur Selbsthilfe eben. „Nur so kann es funktionieren.“

Eine größere Hilfsorganisation habe vor geraumer Zeit gezeigt, wie es nicht laufen sollte. Das Aufforstungsprojekt sei mehr oder weniger gescheitert, weil niemand den Menschen gezeigt habe, wie die Nachzucht funktioniere. „Wir wollen mehr. Der Moringabaum ist ein kleines Kraftpaket, von ihm lässt sich fast alles essen, vor allem die Blätter. Das ist auch den Einheimischen oft so nicht bekannt.“ Ein Baum quasi direkt vor die Haustür gepflanzt, decke ein Stück weit den Tisch. Einer von vielleicht fünf herangezogenen Pflanzen pro Familie geht an Green Spark. So kommt Geld in die Vereinskasse, doch Spenden bleiben notwendig. Friedrich rechnet in der Pilotphase bis Frühjahr 2020 mit zwei Euro pro Baum.

150 Öko-Ziegel, wie sie der Verein nennt, wurden innerhalb der ersten Woche in Hefte und Stifte umgetauscht.

Ein zweites Projekt benötige sehr wahrscheinlich dauerhaft Unterstützung aus Deutschland. Aus Plastik, das schon fast an jeder zweiten Straßenecke herumliege, entsteht Baumaterial. „Wenn zum Beispiel eine Kunststofftüte in eine Plastikflasche gesteckt stark verdichtet ist, wird das ganze so hart, dass man darauf stehen kann.“ Mit dem Geld aus dem Verkauf der Öko-Ziegel werden Schulhefte und Stifte für Kinder und auch Hygieneartikel für junge Frauen angeschafft. Auch dieses Projekt laufe schon. Ein Heft koste umgerechnet vielleicht 20 Cent, doch selbst die hätten viele Familien nicht. Der Bedarf sei groß. Schon in den ersten sieben Wochen seien Hunderte Artikel übergeben worden.

Die Idee, Kunststoff auf diese Weise wieder einzusetzen, sei nicht ganz neu und werde zum Beispiel bereits in Südamerika erfolgreich umgesetzt. Ein Workshop soll nun Menschen in Nkhata Bay in dieser Aufgabe fit machen. Mehr eine Frauengruppe will Friedrich für ein drittes Projekt aufbauen. Afrikanische Stoffe sind oft recht farbenfroh. Aus Resten wird zusammen mit Metallteilen und anderen Überbleibseln besonderer Schmuck, der in der Altmark und anderen Teilen der Republik über das Internet gekauft werden kann. Die Frauen in Malawi haben ein Einkommen. Friedrich arbeitet im Internet weiter an den Strukturen, und weiß hier nach eigenem Bekunden den Weltladen in Stade, Niedersachsen, hinter sich.

Schon 2015 hatte Friedrich in Hamburg gekündigt. Sie reiste das erste Mal nach Afrika, sah gleich mehrere Länder, arbeitete im IT-Bereich einer Hilfsorganisation, lernte überall dazu, wie sie selbst sagt. Das gilt auch für einen Solarpark in Malawi, in dem sie tätig war. Die Monate zogen ins Land. Irgendwann ging es zurück, sie hatte Ideen im Kopf, doch die brauchen Geld und das musste verdient werden. „Ein Kumpel in Malawi hat mich dann am Telefon an die Baumpflanzidee erinnert.“ Die 34-Jährige ist Feuer und Flamme und reißt andere mit. Es hätte auch jedes andere Land sein können oder vielleicht auch nicht. „Es passt einfach, wir setzen in Nkhata Bay, Malawi, an, andere woanders“, sagt die junge Frau der AZ.

Graswurzelarbeit, die auch deshalb bitter nötig scheint. Der erhobene Zeigefinger sei nicht ihre Sache. Doch marschiere Malawi ganz offenkundig in eine andere Richtung als der große Rest der Welt. „Von Klimawandel, Plastikflut und umstrittenes Glyphosat in der Landwirtschaft nimmt man hier wenig Notiz, trotz des Internets und anderer Kommunikation.“ Das Land werde regelrecht mit Billigplastik aus China überschwemmt. Röhren-Fernseher, die in Europa niemand mehr haben wolle, hätten Hochkonjunktur. Große Kosmetikkonzerne verkaufen ihre Produkte in kleinen Flaschen. Eine funktionierende Müllabfuhr hat die gebürtige Altmärkerin noch nicht ausmachen können.

Moringabaum, Öko-Ziegel und Schmuck: Friedrich packt die letzte Tasche. Für ein Foto geht es noch schnell zur Goldenen Laus, dem Wahrzeichen von Bismark. Wer detaillierte Informationen wünscht, den altmärkischen Verein unterstützen und für eines oder mehrere Projekte spenden möchte, nutze den Internetauftritt www.green-spark.org. Die E-Mail-Adresse der Initiatorin lautet susanne@green-spark.org. Die 34-Jährige verspricht, Fragen möglichst rasch zu beantworten. Wer lieber einen Brief schreiben will, senden ihn an den Sitz des Vereins, Alte Straße 43 in Bismark. Familie und Mitstreiter wollen helfen, wo sie können. Was noch wichtig sein kann: Der Verein stellt Spendenquittungen aus.

VON MARCO HERTZFELD

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