Schock sitzt tief: „Es geht an unsere Existenz“

Bei Zwillings-Tiergeburt: Wölfe entreißen Muttertier die Neugeborenen am hellichten Tage

Mehrere Kühe stehen auf einer matschigen Weide.
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Die Rinderherde in Haselhorst: „Das ganze Areal wolfssicher einzuzäunen, dafür könnte man ein kleines Häuschen bauen“, heißt es zu den Kosten.
  • VonKai Zuber
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Der Schock sitzt tief bei der Rinderhalterin Sabrina Scherweit, seit am helllichten Tage am Mittwoch offenbar mehrere Wölfe mitten bei der Geburt von Zwillingskälbern auf der Weide am Ortsrand zuschlugen und der Mutterkuh die Neugeborenen entrissen (wir berichteten). Am Donnerstag waren die Überreste des Wolfsrisses von den Zwillingskälbern für den Abdecker in schwarze Plastiktüten verpackt. Von den Neugeborenen hatten die Wölfe nur noch die Köpfe und Gliedmaßen übrig gelassen.

Haselhorst – Sabrina Scherweit hatte den Dährer Tierarzt Tobias Lerche gebeten, die traumatisierte Mutterkuh medizinisch zu behandeln. „Die arme Mutter ist völlig fertig und hat nach dem Stress ganz schön abgebaut“, sagt Scherweit mitfühlend. Der Tierarzt entfernte die Nachgeburt aus dem Mutterleib, säuberte die Kuh und verabreichte Antibiotika. Nach dem Wolfsangriff in Haselhorst schlagen Landwirte angesichts der gestiegenen Raubtier-Population Alarm. Von überall in der westlichen Altmark werden Wolfssichtungen und Übergriffe gemeldet. Häufig sogar in Gruppen. Immer wieder wird berichtet, dass auch Hunde Opfer von Wolfsangriffen werden und die Wölfe bei den Sichtungen kaum Scheu vor den Menschen zeigen. Sabrina Scherweit ist besorgt: „Die Kinder spielen hier im Wald, aber wie lange geht das noch gut?“ Nach der jüngsten Wolfsattacke läuteten bei der jungen Züchterin die Alarmglocken: „Das geht an unsere Existenz. 13 Kälber erwarten wir noch. Was soll nun werden? Nächstes Jahr werden Fohlen geboren von unseren Rocky-mountain Horses. Wenn da eines der teuren Tiere gerissen wird, sind das ganz andere Kosten“, so die Neu-Haselhorsterin, die sich mit ihrem Hof eine Existenz aufbauen will.

Tierarzt Tobias Lerche aus Dähre versorgt mit Besitzerin Sabrina Scherweit (r.) die traumatisierte Mutterkuh nach dem Wolfsriss ihrer beiden neugeborenen Kälbchen.

Wenig Hilfe sei vom Wolfskompetenzzentrum gekommen: „Von dort hieß es, dass für dieses Jahr die Fördertöpfe für Wolfszäune leer seien. Im nächsten Jahr soll ich wieder fragen“, so die Rinderzüchterin. Das Problem: Die Wölfe sind intelligent und lernen bei der Nahrungsbeschaffung schnell dazu. Flinke Rehe zu jagen, das brauchen sie kaum, solange immer eine Schafherde, Kühe, Pferde oder andere Nutztiere in der Nähe sind. „Unser Jäger Wolfgang Kürbis hat seine Hilfe angeboten. Er will alle seine Wildkameras auf Wolfsfotos kontrollieren“, berichtet Sabrina Scherweit. Enttäuscht ist sie von dem Mitarbeiter des sogenannten Kompetenzzentrums in Iden. „Erst wollte der nette Herr vor Ort zur Beweissicherung keinen DNA-Abstrich nehmen, dann brachte er absurderweise den Fuchs als Täter ins Gespräch und erwähnte mögliche Totgeburten. Dabei hat man doch die Schleifspuren deutlich gesehen“, bringt die Züchterin ihr Unverständnis für diese Art von „Kompetenz“ zum Ausdruck. Scherweit ist auch gespannt darauf, ob diese Risse am Ende auch tatsächlich in der Landesstatistik auftauchen oder nur unter der Rubrik: „Wolfsriss nicht auszuschließen“. Doch wie geht es jetzt weiter auf den fünf Hektar großen Weideflächen mit rund zwölf Kilometer Zaunlinie. „Das Ganze wolfssicher einzuzäunen, dafür könnte man ein kleines Häuschen bauen“, bemerkte Tierarzt Lerche beiläufig. Die Tiere künftig im Stall zu halten, kommt für Sabrina Scherweit nicht in Frage: „Wir betreiben ja hier in Haselhorst eine ökologische, extensive Weideviehhaltung. Unsere Kunden sehen die schöne Weide und haben so beim Kauf des Fleisches zu Recht ein gutes Gewissen. Und das soll auch so bleiben.“

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