Tierschutzskandal: Weitere Betroffene meldet sich zu Wort / Sabine Schmutzler: „Herr B. hatte keine Genehmigung“

„Er wollte mir zwei Pferde unterschlagen“

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Die Lamahengste, die laut Sabine Schmutzler von Herrn B. gekauft, nie bezahlt und dafür nur unzureichend gefüttert wurden, stehen nun wieder auf dem Hof in Stapen.

Stapen / Hanum. Hatte der vermeintliche Tierschützer aus Hanum, der auf einem ihm anvertrauten Hof in Lüdelsen Pferde verhungern und andere Tiere verschwinden ließ (wir berichteten), gar keine Genehmigung dafür, beschlagnahmte Tiere bei sich in Hanum aufzunehmen?

Davon ist zumindest Sabine Schmutzler, die seit zwölf Jahren den Verein SOS-Pferdenothilfe leitet und ebenfalls betroffen ist, überzeugt. „Dem Herrn B. fehlt nicht nur die Genehmigung, sondern auch die Sachkunde, um so einen Hof zu betreiben“, sagt die Tierschützerin, die mit ihrer Familie und ihren Tieren seit dem vergangenen Sommer in Stapen eine neue Bleibe gefunden hat.

„Für uns galt der Hof in Hanum dem Tierheim Ahlum zugehörig. Schließlich war Herr B. Mitarbeiter dieser Einrichtung“, erklärt Dr. Frieder Oßwald, Amtstierarzt des Altmarkkreises Salzwedel, auf Nachfrage der AZ. Auch er sei vom Tierschutzskandal Anfang Dezember in Lüdelsen „sehr überrascht“ gewesen. Zumal die Zusammenarbeit mit Herrn B. und dem Tierheim stets hervorragend funktioniert habe. So habe der Hanumer bei einer Beschlagnahme von 86 Hunden Ende Oktober 2011 in Hennigen großes Engagement an den Tag gelegt. „Das war eine sehr positive Erfahrung“, blickt der Amtstierarzt zurück. Vorwürfe, dass der vermeintliche Tierfreund nicht hinreichend kontrolliert wurde, weist der Fachmann zurück. „Im vergangenen Jahr hat das Veterinäramt etwa 500 Tierschutzkontrollen im Kreis durchgeführt“, so Dr. Frieder Oßwald. Bei etwa 600 Rinderhaltern, jeweils mehreren hundert Schweinehaltern und Pferdebesitzern sowie etwa 100 größeren Geflügelbetrieben und mehreren tausend privaten Geflügelhaltern sei es unmöglich, zu jeder Zeit überall präsent zu sein. „Bei Verstößen gegen den Tierschutz sind wir auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen“, betont der Amtsleiter.

Derweil erhebt Sabine Schmutzler neue Vorwürfe gegen den Hanumer. Mitte September 2011 habe sie von diesem erfahren, dass er acht ihrer Pferde eingefangen habe. Die auf einer Koppel bei Lüdelsen untergebrachten Tiere hätten sich selbst befreit. „Ich war in heller Aufregung, schließlich fehlten offenbar zwei meiner zehn Tiere. Erst als ich Herrn B. sagte, dass die Pferde gechipt seien, waren es doch wieder zehn Stück“, berichtet die 49-Jährige, die davon überzeugt ist, dass der Hanumer versucht hatte, ihr zwei der Tiere zu unterschlagen. Für das Einfangen habe der damalige Tierheim-Mitarbeiter zudem 200 Euro verlangt. Die Stapenerin traut dem Hanumer sogar zu, die Pferde selbst befreit zu haben. „Der Koppelzaun war sauber durchschnitten“, blickt Sabine Schmutzler zurück.

Nichtsdestotrotz ging die Stapenerin auf ein Geschäft mit dem vermeintlichen Tierschützer ein. Dieser hatte sich für eine Kaltblutstute und für vier Lamashengste interessiert, die auf dem Hof in Stapen standen. Sie sollten angeblich den Grundstein für einen Kinder-Erlebnishof bilden. Für den Transport der Tiere stellte die 49-Jährige ihren Pferdehänger zur Verfügung. Erst nach tagelangem Nachhaken habe sie diesen wieder zurückerhalten. Doch weder vom Kaufpreis noch von den Tieren habe sie in der Folgezeit etwas gesehen. Ab Anfang Oktober sei der Hanumer nicht mehr zu erreichen gewesen.

Erst später habe Sabine Schmutzler erfahren, dass ihre vierjährige Kaltblutstute am Tag, an dem Polizei und Veterinäramt auf dem Hof in Lüdelsen ermittelten, vom Hanumer weggebracht wurde. Das Tier sei dann kurz bevor eine Woche später der Hof in Hanum untersucht wurde völlig abgemagert gestorben. Vom Abdeckerbetrieb erfuhr sie, dass der Kadaver nur noch 385 Kilogramm gewogen hatte. „Das war mal eine wohlgenährte Stute mit 700 Kilogramm Gewicht“, so Sabine Schmutzler. Auch die vier Lamas, die sie Weihnachten wieder zurück nach Stapen brachte, hätten sehr gelitten. „Unter dem dicken Fell waren nur noch Skelette“, beklagt die Stapenerin, die von einer Mitschuld des Tierheimes spricht.

„Die Stute und die Lamas hat Herr B. privat gekauft. Wir haben von den Tieren erst im Nachhinein etwas mitbekommen“, erklärt Ursula Lohse, Vorstandsvorsitzende des Allgemeinen Tierhilfsdienstes in Ahlum, auf AZ-Anfrage. Dass es Tieren auf dem Hof in Hanum schlecht gehen könnte, dazu habe es den Sommer über keine Anzeichen gegeben. „Mitarbeiter des Tierheimes waren in dieser Zeit zwei- oder dreimal auf dem Hof. Dort liefen Hühner, Gänse und Schweine herum. Es gab keinen Anlass dafür, in den Ställen nachzuschauen“, berichtet die Tierheim-Chefin. Auch den Pferden des Tierheimes, die auf einer Weide bei Lüdelsen standen, sei es gut gegangen. Die Probleme, so glaubt Ursula Lohse, begannen erst im Herbst, als die Pferde von den Weiden zurück in die Ställe kamen.

Auf die derzeitige Kritik gegen das Tierheim angesprochen, hat die Vereinsvorsitzende eine klare Meinung: „Es melden sich so viele Leute. Hinterher hat scheinbar jeder etwas gewusst oder etwas gesehen – ich frage mich bloß, warum niemand rechtzeitig Bescheid gesagt und manch einer trotz Vorbehalten Herrn B. auch noch Tiere verkauft hat“, so Ursula Lohse.

Von Matthias Mittank

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