Vier Referenten informierten auf Einladung der BUND-Ortsgruppe Hanum über die Geflügeltierhaltung in Deutschland

„Wir alle zahlen kräftig mit“

Die Hanumer und auch die Einwohner der umliegenden Orte stehen vor der Frage, wie sie mit der geplanten Mastanlage für 80 000 Tiere umgehen wollen. In Deutschland werden pro Jahr etwa 600 Millionen Hühner gemästet. Foto:dpa

Jübar / Hanum. Aus Werbeprospekten für diese Woche: Hähncheninnenfilets, 350 Gramm für 2,29 Euro. Chickennuggets, 500 Gramm Packung für 3,59 Euro. Ein Fleischhähnchen, 1300 Gramm für 2,99 Euro.

Auch wenn Michael Hettwer von der Bürgerinitiative gegen Hähnchenmast in Munzel in Niedersachsen am Montagabend bei der Podiumsdiskussion, zu der die Hanumer BUND-Ortsgruppe in den Gasthof „Zur Kastanie“ eingeladen hatte, andere Preise als Beispiele für günstiges Hähnchenfleisch nannte, die Größenordnungen stimmen. Ein Trugschluss sei es jedoch, so erklärte der Niedersachse, dass diese billigen Angebote tatsächlich so günstig seien. „Denn wir alle zahlen kräftig mit, damit am Ende die Hühnerbrüste zu diesen Preisen angeboten werden können“, so Michael Hettwer. Als Beispiel nannte er das aus einer Hähnchenmast resultierende Verkehrsaufkommen auf den Straßen. „Die Straßen müssen wieder instand gesetzt werden. Und wer zahlt über die Steuern mit? Wir alle“, argumentierte er in seinem zehnminütigen Vortrag. So viel Zeit stand jedem der vier eingeladenen Referenten zur Verfügung, um verschiedene Aspekte der Geflügelmast darzustellen, so dass den Besuchern der Veranstaltung noch genügend Zeit für Fragen bleiben sollte. Gut 100 Männer und Frauen aus Hanum und Umgebung waren in den Saal gekommen, um sich näher über das Thema zu informieren. Denn sie selbst stehen vor der Frage, wie sie sich zu einer geplanten Hähnchenmastanlage mit 80 000 Tieren nördlich von Hanum positionieren. Ein von einem Landwirt aus der Gemeinde eingereichter Bauantrag wird gegenwärtig vom Landesverwaltungsamt geprüft.

Nachfragen von Veranstaltungsbesuchern gab es vor allem zum Tierschutz und zu den möglichen gesundheitlichen Risiken. Über diese hatte vor allem der Landesgeschäftsführer des BUND Sachsen-Anhalt, Oliver Wendenkampf, referiert. Ein gesundheitliches Risiko durch die Geflügelmast gebe es in Form von multiresistenten Keimen, die die Folge einer regelmäßigen Verabreichung von Antibiotika an die Tiere seien, so der BUND-Mann. „Zwar ist eine prophylaktische Gabe verboten, doch wenn ein Tierarzt bei einem bestimmten Prozentsatz des Bestandes eine Erkrankung feststellt, dann erfolgt eine Verabreichung an alle Tiere“, erklärte er. Bis zu sechs Mal würden die Tiere über das Trinkwasser während ihrer Mastzeit von 30 bis 35 Tagen mit Antibiotika versorgt. Die Folge: Es bilden sich resistente Keime, die nicht mehr mit Hilfe bereits bekannter Medikamentenformen bekämpft werden können. Das Gravierende aus Sicht von Oliver Wendenkampf: Die multiresistenten Keime können über den Staub die Anlage verlassen und die Antibiotika, die an die Tiere verabreicht werden, sind die gleichen, die auch bei der Behandlung von Menschen Anwendung finden. „Können diese multiresistenten Keime auch den Weg auf Gemüse finden?“, wollte eine Einwohnerin wissen. Die Antwort von Oliver Wendenkampf war eindeutig: Ja. Denn zu einem können über den Feinstaub die Keime auf das Gemüse gelangen. Zum anderen werde Hühnermist auch auf Ackerflächen untergehoben, so dass auf Wurzelgemüse und Getreide durchaus solche Bakterien gefunden werden können.

„Wie“, so wollte ein anderer Einwohner wissen, „lässt sich die Masthaltung mit dem Tierschutz in Deutschland vereinbaren?“ Auch hier war die Antwort für die Anwesenden ernüchternd: „Es lässt sich miteinander vereinbaren, weil das Tierschutzgesetz auf die Haltungsweisen zugeschnitten wurde“, sagte der BUND-Geschäftsführer. Und: Das große Manko sei, dass der Klageweg bislang ausgeschlossen sei, denn Menschen könnten nicht stellvertretend für die Tiere klagen.

„Einen Anwalt der Tier gibt es bislang in dieser Form nicht“, so der Geschäftsführer. Dass es diesen aber dringend geben müsste, erklärte Tierarzt Nis Clason aus Havelberg, der ebenfalls am Montagabend referierte. Er widmet sich dem Thema Massentierhaltung, seitdem in der Nähe seines Wohnortes eine Mastanlage für 460 000 Hähnchen entstehen soll. Aus seiner Sicht ist die Masthaltung nicht vertretbar, da die Tiere in für sie unzumutbarer Weise gehalten würden. „Binnen von nur 35 Tagen wachsen die Tiere von 40 bis 50 Gramm schweren Kücken zu eineinhalb Kilogramm schweren Tieren heran“, so Nis Clason. Dies gehe nur, weil den Tieren über Jahre das Sättigungsgefühl und auch der Bewegungstrieb weggezüchtet worden sei. „So picken sie unaufhörlich, der Brustmuskel wächst sehr schnell, so dass die Tiere Probleme mit ihren Gelenken bekommen und sich Hautblasen an den Brüsten bilden. „Etwa zehn Prozent der Tiere sterben während der Mastzeit. Kommt die Anlage mit 460 000 Tieren bei Havelberg, bedeutet das 46 000 Kadaver pro Monat“, machte der Tierarzt deutlich. Für ihn wie auch die anderen Referenten gab es aus diesem Grund in Sachen Geflügelmastanlagen nur ein Urteil: „Die Masthaltung hat mit einem landwirtschaftlichen Betrieb nichts mehr zu tun. Sie ist ethisch und moralisch nicht zu vertreten.“

Von Norman Reuter

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare