Jahrelange Vorgeschichte

Mann zeigt seinen Nachbarn an: Streit geht in die nächste Runde

Salzwedel / Diesdorf – Kurz vor der Weihnachtspause ist im Salzwedeler Amtsgericht ein langjähriger Nachbarschaftsstreit verhandelt worden. Im Mittelpunkt standen zwei Männer aus einem Diesdorfer Ortsteil.

Ein 46-Jähriger hatte seinen 70-jährigen Nachbar angezeigt, weil dieser permanent mit seinem Trecker ohne Zulassung über öffentliche Straßen fahren soll. Nicht das erste Mal, dass sich die beiden in die Haare bekommen haben.

Keine Zulassung

Der Angeklagte soll im Juni und November 2018 – diese beiden Vorfälle standen beispielhaft für eine vermutete hohe Dunkelziffer – in dem Ort unerlaubt unterwegs gewesen sein. Als Beweise dienten Standbilder aus einem Video, das der Nachbar aufgenommen hatte. „Es ist bis heute fast täglich so, dass der Angeklagte öffentliche Straßen befährt – ohne oder mit entwertetem Nummernschild. Ich habe Angst, dass da irgendwann mal was passiert“, so der 46-Jährige auf der Zeugenbank.

Graue Haare oder nicht

Der Beschuldigte bestritt die Vorwürfe. Im Juni sei er bei einem Geburtstag weit weg gewesen und im November habe er keinen öffentlichen Weg benutzt. „Wer fährt aber dann diesen Trecker?“, wollte Richter Dr. Klaus Hüttermann wissen. Seine Tochter, so der 70-Jährige. „Es ist aber ein Mann“, hakte der Richter nach. Und ergänzte in Richtung des grauhaarigen Angeklagten: „Ich kann sehr gut graue Haare auf dem Foto erkennen.“

Der Nachbar, der die Anzeige erstattet hatte, war sich vor Gericht „zu einhundert Prozent sicher, dass der Angeklagte am Steuer sitzt“. „So ein Bild kann jeder zusammenstellen“, verteidigte sich der 70-Jährige, als alle Parteien am Richtertisch auf das Foto schauten.

Dies wiederholte sich im Laufe des Prozesses noch ein paar Mal. Dann jedoch ging es um Flurkarten und um die Frage, ob ein bestimmter Weg zum Grundstück des Angeklagten gehöre oder nicht. Trotz aller amtlichen Belege bestritt dies nämlich der Angeklagte vehement. Er sei nur auf privaten Wegen unterwegs, nicht auf öffentlichen Straßen.

Schlechtes Verhältnis

Richter Hüttermann lenkte die Verhandlung später auf den eigentlichen Kern des Problems: „Sie haben ein schlechtes Nachbarschaftsverhältnis?“ Das stimme, hatte der 70-Jährige zu diesem Zeitpunkt bereits bestätigt. Der 46-jährige Nachbar mache nur Ärger und wolle seine Wiese haben.

„Ich habe ihn aus dem Winterschlaf geweckt“, meinte der Zeuge wiederum. Vor einigen Jahren kaufte er das angrenzende Grundstück. Bis dahin habe der 70-Jährige wohl machen können, was er wollte, mutmaßte der Mann.

Polizisten ortsfremd

Die als Zeugen vorgeladenen Polizisten konnten in der Sache nicht viel aufklären, da sie einerseits ortsfremd sind und andererseits den Angeklagten nicht auf frischer Tat ertappt hatten. Er habe ihn nicht fahren sehen, sagte einer der beiden Beamten aus.

Für Richter Hüttermann ergab sich dadurch nichts Belastbares. „Ich muss die Sache auf einen konkreten Ort und Zeit festmachen. Und das kann ich nicht“, erläuterte er gegen Ende der Verhandlung die juristischen Anforderungen an eine Verurteilung. Es sei ein Verfahren, bei dem alles irgendwie nicht zusammenpasse.

Am Ende eingestellt

Für den Direktor des Salzwedeler Amtsgerichts gab es daher nur eine Konsequenz: Er stellte das Verfahren ein. Nicht aber ohne vorher noch ein scharfes Wort an den Beschuldigten zu richten: „Heute werde ich Sie nicht verurteilen, aber beim nächsten Mal.“ Denn der zuständige Regionalbereichsbeamte soll häufiger in dem Diesdorfer Ort vorbeischauen und – sollte der 70-Jährige unerlaubt öffentliche Wege benutzen – ihn zur Not auch festhalten. Es gäbe natürlich auch einen einfachen Weg, ließ der Richter durchblicken – den Trecker einfach anmelden.

VON JENS HEYMANN

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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