Von Woche zu Woche

Mit Statistiken gegen Todesangst

17 Minuten – sie können wie im Flug vergehen, etwa wenn man mit Freunden klönt oder einen guten Film schaut. 17 Minuten aber können auch eine Ewigkeit sein – etwa, wenn man dringend Hilfe braucht. Wenn man etwas Grauenvolles erlebt hat, wenn man nackte Angst um sein Leben hat.

17 Minuten haben die beiden Angestellten der Volksbank Dähre am Dienstagabend warten müssen, bis die erste Hilfe eintraf – in Form eines Streifenwagens aus Salzwedel. Die Polizeiführung bezeichnet das als normale Zeit und verweist auf ihre Einsatzstatistiken. Das macht fassungslos angesichts des Umstandes, dass hier Menschen in Todesangst waren. 17 Minuten wären es auch bei einer Geiselnahme gewesen, bei einer Schießerei oder bei einem Tötungsdelikt – es hätte aber auch noch mehr Zeit vergehen können und dürfen. Denn für das zuständige Ministerium liegt der Einsatz von Dähre sogar unter dem Limit: Innerhalb von 20 Minuten müsse in Sachsen-Anhalt ein Streifenwagen vor Ort sein, hatte Innenminister Holger Stahlknecht als Maßgabe herausgegeben.

Für den obersten Dienstherrn sind die 17 Minuten also eine akzeptable Zahl in der Statistik, für die Menschen auf dem Lande sind sie eine Katastrophe. Denn die zeitlichen Abläufe des Überfalls von Dähre sind die Konsequenz einer Polizeireform, die in Wirklichkeit nur ein großes personelles Streichkonzert war und die Schließung Dutzender Reviere zur Folge hatte – und die die Politik inklusive hiesiger Abgeordneter abnickte.

Banküberfälle in Dähre und Bad Wilsnack, der Überfall auf ein Rentnerpaar in deren Wohnung in Rochau, der Überfall auf ein Juweliergeschäft in Havelberg – man muss befürchten, dass sich diese Liste in den nächsten Monaten noch deutlich verlängern wird.

Die Polizei tut, was sie kann, doch sie hat weite Wege. Dass in Dähre sogar ein Streifenwagen aus dem Landkreis Stendal anrücken musste, ist da bezeichnend. Als Straftäter hat man es derweil relativ einfach. Den Finger auf die Landkarte legen und schauen, wo weit und breit kein Revier zu sehen ist. Die Politik wusste, dass es so kommen könnte. Denn Warnungen gab es genug. Doch wen interessiert schon die Altmark ...

Erst das Schulsterben, dann wanderten die Ärzte ab. Und jetzt auch noch die Polizei. Diese Landesregierung hat das Ausbluten unserer Region mit zu verantworten. Der Norden Sachsen-Anhalts – er droht zum vergessenen Landstrich zu werden.

Von Thomas Mitzlaff

Rubriklistenbild: © Koller

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