Umweltschutz-Aktivisten fordern Beprobung ehemaliger Erdgas-Förderstätten

„Das sind tickende Zeitbomben“

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In der westlichen Feldmark gab es 450 Bohrlöcher. Viele der alten Bohrlöcher, so Umweltaktivisten, wurden nur unzureichend ausgekoffert.

Peckensen – Erde drauf und gut? Nicht wenn es nach altmärkischen Umweltschutz-Aktivisten wie Karl-Heinz (Mojo) Friedrichs geht. „Das sind tickende Zeitbomben!“, sagt der Apenburger, den viele nur als „Bartmojo“ kennen.

Umweltschutz-Aktivisten wie er fordern die erneute Boden-Beprobung ehemaliger, verfüllter Erdgas-Förderstätten, wie im Diesdorfer Ortsteil Peckensen.

Karl-Heinz Friedrichs, Umwelt-Aktivist

Anfang 1969 wurde man erstmals westlich von Salzwedel fündig. Bis 1984 wurden bereits knapp 13 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert. Doch mit dem Gas kamen auch Giftstoffe, wie zum Beispiel Quecksilber, Blei, Cadmium und Arsen, an die Oberfläche. Schäfer, wie Kalle Reinecke, berichteten im Fernsehbeitrag „Verstrahlt, vergiftet, vergessen“, dass Tiere, die auf den verseuchten Äckern in der Nähe von vier Gaststationen weideten, später trotz bester Pflege „regelrecht verreckt“ sind. Als Grund dafür wird eine Schwermetallverbindung vermutet, die über die Luft auf die Weiden auf das Erdreich niederging.

In der Nähe von Peckensen wurde aus einem Bohrloch Anfang 1969 erstmals Erdgas gefördert.

Als Zaunpfosten aufgeschnittene Erdgas-Bohrgestänge stecken bis heute noch in der Region in der Erde (wir berichteten). Deren Entsorgung gestaltet sich schwierig, denn der Schrotthandel nimmt die zum Teil radioaktiv verstrahlten Pfosten nicht an. Aus über 450 Bohrlöchern wurden vor allem in der westlichen Altmark Erdgas abgezapft. Das sicherte etwa ein Drittel des Gesamtbedarfs der Republik und verhinderte, dass der Energiebedarf mit teuer importierter Steinkohle kompensiert werden musste.

Viele der oft ungeschützt arbeitenden Erdgaskumpel wussten nicht, was für Gifte sie mit dem Bohrschlamm an die Oberfläche holten. Die Schätzung allein für Quecksilber beläuft sich auf 20 Tonnen pro Jahr. Bis Ende der 1970er Jahre sind 15 größere Havarien bei der Erdgasförderung in der Altmark dokumentiert worden. Darunter die besonders große im Kuhfelder Ortsteil Leetze, wo in acht Tagen 14 Millionen Kubikmeter Rohgas ausgetreten waren und die Behörden für ein Jahr Hausschlachtungen und das Ernten von Gartenfrüchten verboten.

Es folgten rätselhafte Krebs- und Todesfälle. Nach der Wende wurden Bohrlöcher, wie in Peckensen, nur unzureichend ausgekoffert und verfüllt. Karl-Heinz Friedrichs vermutet, dass das Gift heute immer noch im Boden steckt. „Die Auskofferung erfolgte damals nur minimal. Außerdem waren viele Bohrlöcher unzureichend kartiert“, so der Umweltschützer aus Apenburg, der vermutet, dass die tief wurzelnden landwirtschaftlichen Anbaupflanzen bis heute mit den Giften in Kontakt kommen. Karl-Heinz Friedrichs glaubt, dass die zuständigen Behörden handeln müssen. So liegen geschätzte 1100 Kilometer Gasförderrohre in der Erde, von denen auch nach der Wende immer wieder undichte Stellen gemeldet wurden und werden.

VON KAI ZUBER  

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