Als zu Silvester ein Licht aufging

Dahrendorfs Turmbesitzer erinnert bei Grenztour in Waddekath an Maueröffnung 1989

Historischer Ort: Dahrendorfs Grenzturmbesitzer Rainer Axmann erinnert bei einer Erkundungstour in Waddekath an die Maueröffnung am Silvestertag 1989.
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Historischer Ort: Dahrendorfs Grenzturmbesitzer Rainer Axmann erinnert bei einer Erkundungstour in Waddekath an die Maueröffnung am Silvestertag 1989.

Waddekath/Diesdorf – „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 17. Februar 1990 um 9 Uhr geteilt. “ Dieser Satz ziert heute ein braun-weißes Straßenschild in Waddekath. Darüber ist eine Karte mit dem Grenzverlauf des „eisernen Vorhangs“ in Europa zu sehen.

Der offizielle Termin der Straßen-Grenzöffnung zwischen Rade und Waddekath am 17. Februar 1990 war für viele Bürger der Region ein historisches Datum, das sie niemals vergessen werden. Für Fußgänger war die Grenze in Richtung Wittingen jedoch bereits seit dem Silvestertag 1989 gegen 14 Uhr offen.

Auf dieses Datum gehen bis heute gehegte Freundschaften in Ost und West zurück. Böller und Leuchtraketen brauchten die Altmärker aus Diesdorf und die Nachbarn aus dem Wittinger Raum damals nicht, als an Silvester am ehemaligen „Eisernen Vorhang“ ein Licht aufging. Dahrendorfs Turmbesitzer Rainer Axmann erinnert bei seiner jüngsten Grenztour in Waddekath an diese Maueröffnung Ende 1989.

„Schön, dass die Bürger aus Rade und Waddekath die Mauerreste hier bis heute erhalten haben und auf einer Info-Tafel über die historischen Ereignisse informieren. Sogar alte DDR-Grenzsteine und eine Panzersperre gibt es im kleinen Wäldchen zu bewundern“, schwärmt Axmann im Gespräch mit der AZ. Der Diesdorfer Ortschronist Heinz-Günter Klaas hat die historischen Fakten zum Mauerfall in der Region sorgfältig dokumentiert: Während einer Einwohnerversammlung im voll besetzten Saal des Kulturhauses Diesdorf herrschten am 9. November 1989 eine äußerst gereizte Stimmung und eine allgemeine Unzufriedenheit mit den Zuständen im Ort, zumal die zahlreichen Beschwerden und Proteste durch die Vertreter der Kreisleitung nur ausweichend und wenig zufriedenstellend beantwortet wurden. Auf dem Höhepunkt der Diskussion gab ein Mitglied der SED-Obrigkeit dann plötzlich bekannt, dass ab sofort die Grenzen zur Bundesrepublik für den Reiseverkehr geöffnet seien.

Tagesausflug in den Westen

Es folgte laut Klaas ein ungläubiges Staunen, anfangs kaum Euphorie, da sich nur wenige der Tragweite dieser Worte bewusst wurden. „Erst nach den Nachrichten in den Medien brachen auch die meisten Diesdorfer in Jubel aus, es gab unbeschreibliche Gefühle und Reaktionen“, so der Ortschronist.

Seit dem 9. November galt der Grenzübergang Bergen/Dumme „ab sofort“ als offen. Während der folgenden Tage und Wochen nutzten viele den Grenzübergang, um einen Tagesausflug in den „Westen“ zu unternehmen. Vorher tauschten sie in DDR-Geldinstituten 15 DM Reisegeld pro Person ein. Im Westen erhielten sie 100 DM Begrüßungsgeld pro Person, es „lohnte“ sich also, so viel Familienmitglieder wie möglich mitzunehmen.

Am 1. Juni 1990 erschien das „Isenhagener Kreisblatt“ mit dem Untertitel „Altmark Nachrichten“. Am Markt wurden eine Redaktion und Anzeigenannahme eingerichtet, der Redakteur für den Diesdorfer Bereich war seinerzeit Rüdiger Lange aus Abbendorf.

Mehrere freie Mitarbeiter nutzten die Möglichkeit, Pressebeiträge über Diesdorf und Umgebung zu veröffentlichen. Im Juni wurde Fritz Kloß während einer konstituierenden Sitzung zum ehrenamtlichen Bürgermeister berufen. Die Währungsumstellung am 1. Juli 1990 von Mark (DDR) in Deutsche Mark (BRD) in den Sparkassen sorgte für Aufregung.

Viele Freundschaften und Partnerschaften wurden im Sommer 1990 besiegelt: Auf Initiative von Ruth Eckhoff (Schulzentrum Wesendorf) und Heinz Borchert (Sekundarschule Diesdorf) entstand eine sportlich-kollegiale Volleyballbeziehung zwischen den Schulen Diesdorf (später Dähre), Jübar, Wesendorf und Wittingen. Seit damals treffen sich die Lehrer-Volleyballmannschaften dieser Schulen regelmäßig bei sportlichen Turnieren abwechselnd in den Orten. (Von Kai Zuber)

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