Ein letztes Mal: Ehemaliger Bahnhof öffnet seine Türen / Radler weiterhin willkommen

Reichsbahn-Idylle bleibt erhalten

+
Im Beisein vieler Schaulustiger überreicht Rainer Klinzmann (stehend) dem einstigen Streckenwärter Karl Steinfeldt (beide mit Reichsbahnmützen) den Schraubenschlüssel, mit dem Steinfeldt von 1959 bis 1991 die losen Bolzen der Schienenstränge wieder anzog.

Stapen / Hohentramm. Mit so einem Ansturm hatten Jutta und Rainer Klinzmann am Sonntag nicht gerechnet.

Aus der ganzen Altmark und von weiter weg kamen die Freunde alter Reichsbahntechnik angereist, um das letzte Bahnhofsfest der ehemaligen Kleinbahnstation Stapen-Hohentramm mitzuerleben.

1994 kaufte die Familie Klinzmann den Bahnhof. „Es waren zähe Verhandlungen“, erinnerte sich Rainer Klinzmann. Die Familie sicherte die Bausubstanz und bewahrt darin bis heute viele Dokumente, Chroniken und alte Reichsbahnutensilien auf. Im Bahnhof selbst sind sogar der alte Tresen mit nostalgischer Zapfsäule sowie der kühle Bierkeller erhalten geblieben.

Besonders stolz ist Klinzmann auf einen Weichenschlüssel vom bereits verstorbenen Lokführer Manfred Müller aus Beetzendorf. Zudem auf Patronenhülsen von amerikanischen Tieffliegern, die 1945 zivile Züge auf dieser Strecke beschossen sowie auf Schrotpatronenhülsen von sowjetischen Botschaftsangehörigen, die in den 80er-Jahren in den Wäldern um Hohentramm gejagt hatten.

Immer dicht umlagert: Die Reichsbahnutensilien und die Literatur über die Geschichte der Bahnstrecken der Altmark.

Aber auch 120 Meter Gleise vor dem Bahnhof konnten die Klinzmanns vor dem Abbau retten. Auf denen steht heute eine Fahrraddraisine, die Klinzmann gegen eine alte RT (Motorrad) eingetauscht hatte. „Wir wollen ein bisschen ruhiger treten“, sagte Rainer Klinzmann, der viele ehemalige Reichsbahner und sogar eine Abordnung des „Preußendorfes Hohengrieben“ herzlich begrüßte. Dann verkündete Klinzmann eine frohe Botschaft: „Die Reichsbahn-Idylle bleibt erhalten, für Reichsbahnfreunde und für Radlergruppen.“ Diese müssen sich allerdings zu einer Besichtigung vorher anmelden.

Als erster Gast war am Sonntag Karl Steinfeldt (89) aus Beetzendorf gekommen. Er war 40 Jahre Eisenbahner und von 1959 bis 1991 Streckenwärter auf der Strecke Beetzendorf-Apenburg. Noch einmal durfte er seinen riesigen Schraubenschlüssel, mit dem er die Gleise sicherte, in den Händen halten. „Hier, das war dein Schraubenschlüssel“, sagte Klinzmann und freute sich mit dem noch rüstigen Reichsbahner. Die Bahnstrecke Calbe a. M. – Beetzendorf (alte Schreibweise), an der der Bahnhof Stapen-Hohentramm liegt, wurde am 18. Dezember 1899 eröffnet. Bis zum Mai 1991 fuhren darauf Personen- und bis zum 1. Januar 1994 Güterzüge. Dann wurde der Zugverkehr gänzlich eingestellt, später die Bahngleise abgebaut. Das Bahnhofsgebäude, gebaut 1898/99, war als Bahnhofsagentur bis 1987 geöffnet. Danach wurde es der Sowjetarmee übergeben, die es als Jagdquartier für das Sonderjagdrevier Hohentramm bis zur Wende nutzte.

Von Rüdiger Lange

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare