Der Werdegang des Ellenberger Volksschullehrers Adolf Thoms

Pädagoge in vier Systemen

Wolfgang Thoms (r.) ist seit Jahren mit Leib und Seele Ortschronist von Ellenberg. In seinen Ausstellungen berichtete er auch über den Werdegang seines Vaters Adolf Thoms. Foto: Zuber

Ellenberg. Den beruflichen Werdegang des Ellenberger Volksschullehrers Adolf Thoms im Wandel des 20. Jahrhunderts und dessen politischen Wirren hat sein Sohn Wolfgang Thoms zusammengetragen.

Der Lehrer Adolf Thoms, geboren am 17. Dezember 1886, sagte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von sich selbst: „Ich war unter dem Kaiser, in der Weimarer Republik und im Dritten Reich Lehrer. Und nun soll ich den neuen sozialistischen Machthabern weiter in der Schule unterrichten? Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“ Adolf Thoms stellte den Antrag, aus dem Schuldienst entlassen zu werden. Als Anlass dafür schob er seine Verwundung im Ersten Weltkrieg vor, bei der er ein Auge verloren hatte. Erst 1943 hatte Lehrer Thoms sein Examen als landwirtschaftlicher Berufsschullehrer absolviert. 1944 sollte er im Kreis Stendal ein Lehramt übernehmen. „Nach Kriegsende änderte sich dann alles. Die Schulen wurden geschlossen und in der sowjetischen Besatzungszone erst am 1. Oktober 1945 wieder eröffnet“, berichtet Wolfgang Thoms in seiner umfangreichen Ellenberger Chronik.

Im Herbst 1945 bekam Adolf Thoms eine Postkarte zugesandt, die noch mit dem Hitler-Porträt als Briefmarke beklebt war. „Damals gab es weder neue Postkarten noch Briefmarken. Deshalb wurde Hitlers Kopf einfach abgeschnitten“, berichtet Thoms. Das Merkwürdige: Die Postkarte wurde am 28. September 1945 in Salzwedel abgeschickt, trug aber den Vermerk „Magdeburg“. Der Wortlaut: „Sehr geehrter Herr Thoms, Ihre weitere Beschäftigung im Schuldienst ist nicht mehr vorgesehen – Voigt, Schulrat.“

Später stellte sich heraus, dass diese Entlassung per Postkarte ein politischer Willkürakt eines Dorfbewohners war. Neuer Lehrer in Ellenberg wurde der Flüchtling Rektor Ernst Darsow aus Stolp in Pommern. Dieser musste am 7. März 1945 wegen der Räumung seiner Heimatstadt flüchten und landete am 19. März in Ellenberg. Hier hatte bereits seine älteste Tochter mit ihren Kindern Zuflucht gefunden. Nach dem Schulbeginn am 1. Oktober 1945 musste der Vorgänger Adolf Thoms das Schulhaus räumen und siedelte Anfang November in den Nachbarort um, weil auch sein eigenes Grundstück durch eine Fliegerbombe getroffen worden war. Am 15. Juni 1946 wurde Thoms´ Versetzung in den Ruhestand amtlich. „Daraufhin eröffnete er eine Gastwirtschaft und betrieb eine Bienenzucht sowie eine kleine Landwirtschaft“, berichtet sein Sohn Wolfgang in der Chronik.

Doch die Pädagogik ließ den „alten Hasen“ doch nicht los: Anfang Mai 1953 bewarb er sich für den Schuldienst und wurde wieder eingestellt. Im Juli 1965 ist Adolf Thoms dann in den endgültigen Ruhestand versetzt worden. Im offiziellen Dankesschreiben wird seine Erziehungsarbeit „im sozialistischen Sinne und der Völkerfreundschaft“ gewürdigt. 1973 durfte der Pädagoge in den Westen zu seinem Sohn Wolfgang Thoms übersiedeln.

Von Kai Zuber

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare