Emotionaler Druck / Stefan Huster gibt auf: „Bereue ehrlichen Umgang“

Neuekrug: Keine Mastanlage

Aus der Forderung der Anwohner wird über Nacht ein Fakt: Der Investor kündigt den Verzicht auf die Hähnchenmastanlage an.

Neuekrug. In Neuekrug wird keine Hähnchenmastanlage gebaut. Das kündigte Investor Stefan Huster gestern überraschend gegenüber der AZ an.

Der Osnabrücker hatte zuletzt gesagt, er wolle sein Vorhaben von der Willensbekundung der örtlichen Volksvertreter abhängig machen – nun nimmt er selbst vom Tisch.

Interview

Altmark-Zeitung: Warum wollen Sie nicht mehr bauen?

Stefan Huster: Meine Familie und ich wurden emotional stark unter Druck gesetzt, aber dazu möchte ich mich aus Selbstschutz nicht weiter äußern. Jede Seite war mir gegenüber voreingenommen. Auf Infozetteln wurde ich als profitorientierter Unternehmer beschrieben. Wenn ich eines bereue, ist es, dass wir ehrlich mit den Leuten umgegangen sind und diese so früh über den Bau informiert haben.

Zuletzt wurden Sie zum Beispiel von der Bürgerinitiative (BI) Diesdorf, dem Grünensprecher Christian Franke und BUND-Geschäftsführer Oliver Wendenkampf kritisiert, weil Sie die Entscheidung über den Bau nicht mehr den Einwohnern, sondern den gewählten Volksvertretern überlassen wollten. Wie sehen Sie das?

Es wurde behauptet, dass ich mein Wort gebrochen habe – das sehe ich ganz anders. Beim letzten Interview habe ich klar gesagt, dass ich die Interessenvertreter aus Reddigau, Neuekrug, Höddelsen und so weiter über ein B-Plan-Verfahren entscheiden lasse. Die Interessenvertreter sind nicht die Bürger. Ich habe nie vorgehabt, die Bürger entscheiden zu lassen, das war ein Missverständnis. Das habe ich bei der internen Bauausschussversammlung am 31. Januar zur Kenntnis gegeben. Trotzdem wurde am darauffolgenden Tag auf der Homepage der BI veröffentlicht: „Im Gespräch wird schnell deutlich, der Investor Herr Huster steht nicht zu seinem Wort, der Bürgerwille wird nicht respektiert.“ (Zitat www. bin-diesdorf.de) Außerdem wurde die Hähnchenmastanlage in einem Gästebucheintrag mit einem KZ verglichen.

Wie verlief diese Sitzung aus Ihrer Sicht?

Hinterher wurde ich von der BI kritisiert, dass ich keine Lkw-Route zu der geplanten Mastanlage genannt habe. Ich habe dort die ganzen Lkw-Zahlen offengelegt, nur die Route stand nicht fest, da zwei in Betracht kommende Vertragspartner unterschiedlich gelegene Schlachthöfe hatten.

Sie haben das Agieren der BI „Angstkampagne“ genannt.

Ich sah es als Angstkampagne, denn sehr früh wurden Infozettel mit falschen und übertriebenen Daten veröffentlicht. Zum Beispiel wurden Zahlen beim Lkw- Verkehr auf Infoblättern vierfach so hoch beziffert, als sie in Wirklichkeit waren. Ich habe eine mir namentlich bekannte Frau von der BI darauf angesprochen. Sie hat mir gesagt, das sei normal, man hätte wohl im Internet falsch recherchiert.

Haben Sie denn mit einem Konzern schon einen Vertrag unterschrieben?

Nein, habe ich nicht, werde ich auch nicht. Es stimmt übrigens auch nicht, dass ich mit einem Frikifrisch-Vertreter bei der Bauausschusssitzung war. Der Mann war von einer Firma, die mich beriet, kein Konzern-Vertreter. Trotzdem hat man dies aber offiziell verlauten lassen.

Reizwort Antibiotika: Hatten Sie ein Keimgutachten geplant? Sie hatten ja auch angekündigt, Geflügelrassen einsetzen zu wollen, die keine Antibiotika benötigen.

Ja, wir wollten andere Genetiken einsetzen – tiergerechtere so genannte Fairmast-Systeme. Dies sind Systeme, die von internationalen Tierschutzorganisationen gewollt werden. Aber ein Keimgutachten hätte ich aus finanziellen Gründen nur in Auftrag gegeben, wenn ich ins Genehmigungsverfahren gegangen wäre. Das wollte man aber um jeden Fall verhindern, weil die BI möglicherweise glaubte, dass sie mit Sachlichkeit nicht gewinnen kann.

Die BI hatte Sie ja vor längerem zum Gespräch eingeladen. Warum haben Sie das nicht angenommen?

Ich hatte Gespräche abgelehnt, da die BI vorab Äußerungen über mich veröffentlichte, welche sehr einseitig waren. Ich wollte einen Infoabend mit Experten und der BI veranstalten.

Sie hatten ja nicht nur mit der BI zu tun.

Huster: Stimmt, der Bauausschuss und Diesdorfs Bürgermeister Fritz Kloß waren aus meiner Sicht absolut neutral und haben sich der Idee nicht verschlossen. Wie sich Herr Wendenkampf zu Fritz Kloß" Neutralität in einem Leserbrief äußerte, war eine Frechheit.

Fritz Kloß wurde u.a. „Büttel des Kapitals“ genannt, und Wendenkampf schrieb, Bürgermeister Fritz Kloß habe seine Zusage während einer öffentlichen Veranstaltung in Neuekrug, die Bauvoranfrage des Investors in Kopie an den BUND Diesdorf weiterzuleiten, nicht eingehalten.

Genau, der Bürgermeister hat gar kein Recht, Daten herauszugeben, weil es keine offizielle Anfrage gab. Grünensprecher Christian Franke hat per Leserbrief behauptet, dass ich nur eine geschönte Besichtigung anbieten würde. Das ist dreist, es ist sowieso schon schwer, einen Bauern zu finden, der die Tore öffnet, vor allem für eine BI. Außerdem wollen die Grünen immer, dass man die Ställe öffnet und Transparenz zeigt. Franke rief auch dazu auf, den Druck aufrechtzuerhalten. Das finde ich fragwürdig. Wenn BI, Grüne und BUND emotionalen Druck aufbauen, kritisiere ich das scharf.

Waren Sie vom Widerstand vor Ort überrascht?

Ja, sehr. Wir wollten Spannungen abbauen und ehrlich miteinander umgehen. Es ist doch klar, da kommt kein Rosenduft aus so einem Betrieb. Wir wollten informieren, aber das braucht Zeit: Das Ingenieurbüro arbeitet nicht nur für mich allein.

Bauen Sie jetzt woanders?

Wir bauen gar nicht mehr, auch nicht woanders. Wir haben die Nase voll.

Was geschieht mit der Fläche in Neuekrug, die Ihnen gehört?

Die soll weiter landwirtschaftlich genutzt werden.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Hähnchenmastanlage zu bauen?

Wir hatten uns für den Schritt entschieden, in die Hähnchenmast einzusteigen, weil wir aufgrund neuer Regelungen in unseren Ställen Sauen reduzieren mussten. Wir brauchen eine Alternative, um weiterhin von der Landwirtschaft leben zu können. Wir entschieden uns für die Hähnchenmast, weil ich den Mist sehr gut gebrauchen könnte. Übrigens, noch ein Wort zu den Arbeitsplätzen: Es stimmt, an der Anlage hätte es nur zwei bis drei Stellen gegeben, aber nachgelagert wären mehr entstanden: Genossenschaften, die Futter verkauft hätten, Fängerkolonnen wären nötig gewesen, ebenso Reinigungskolonnen und auch Techniker, die Anlage und Fahrzeuge gewartet hätten.

Können Sie im Geschehenen etwas Gutes sehen?

Zum Schluss möchte ich mich bei all den Familien bedanken, die neutral uns gegenüber waren. Wenn in Zukunft mit Landwirten besser umgegangen wird, die etwas bauen wollen, kann ich in meiner Sache noch was Gutes sehen.

Von Steffen Hamann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare