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Nackt im Paddelboot unterwegs

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Von: Kai Zuber

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Ein fast kahlköpfiger bärtiger Mann spielt im Altarraum einer Dorfkirche Gitarre.
Max Heckel an der Gitarre in der übervollen Kirche in Ahlum. Am Ende gab es stehende Ovationen, viele verkaufte Bücher und den Wunsch auf ein Wiedersehen. © Kai Zuber

Das Dorf mit Fans zugeparkt, die Kirche proppenvoll und der Gemeindekirchenrat als Veranstalter überglücklich: „Nobody Knows“-Frontmann Max Heckel begeisterte am Sonntag in der Ahlumer Kirche.

Ahlum – Spätestens mit diesem Song von Achim Reichel hatte die ursprünglich aus Stendal stammende „Rampensau“ mit jetzigem Wohnsitz in Arneburg die Zuhörer auf seiner Seite: „Kuddel Daddel Du will nach St. Pauli, Kuddel Daddel Du, da ist was los, Kuddel Daddel Du sieht schon die Lichter, Kuddel Daddel Du fühlt sich famos. Und Kuddel könnte die ganze Welt umarmen. Er atmet tief durch und singt das schöne Lied: Was kann die Welt dafür, dass ich sie liebe.“ Dieser Song könnte dem nach einem schweren Schicksalsschlag „nachgetauften Christen und Kirchgänger“ Max Heckel quasi auf den Leib geschrieben sein. Doch der Sänger und Gitarrist begeisterte mit seiner Lesung nebst handgemachter Musik auch immer wieder mit Anekdoten aus seinem Leben. So zum Beispiel, wie er einst nackt an der Biese seinen beiden Lehrerinnen in einem Paddelboot begegnete, oder wie er sich in Stendal mit einem Hagel aus rohen Eiern an einem Anwohner rächte, der das Baumhaus seiner Freunde einriss. „Auch ich verzeihe eigentlich, aber erst in 300 oder 400 Jahren“, berichtete Max Heckel aus seiner wilden Zeit und stimmte Loriots Verse vom Förster-Mord an.

Der Innenraum einer vollbesetzten Dorfkirche.
Die begeisterten Zuhörer hatten den Ost-Altmärker schnell in ihr Herz geschlossen. © Kai Zuber

Heute scheint Heckel etwas gezähmter, berichtete in Ahlum von seiner Liebe zum Advent und interpretierte den bekannten Weihnachtsklassiker „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ wunderbar erfrischend. Das machte den kahlköpfigen, bärtigen Künstler auch irgendwie sympathisch. Erst kam er mit einer Russenchapka auf dem Kopf in die beheizte Kirche, doch dann spielte er sich warm. Er bekannte seine Liebe zum Kaffee, sein schwieriges Verhältnis zu den Schwiegereltern und zur Körperhygiene, aber bediente trotz zunehmender Lebensweisheit auch artig den gängigen Mainstream – wenn auch mit einigen Aussetzern. Nach der Pause wirkte das Programm von Max Heckel dann gereifter, als er zum Beispiel einen Gospelsong anstimmte und das Publikum in jeder Sekunde seines Auftritts mit einbezog. Nächstes Jahr soll es vom Künstler ein Otto-Reutter-Programm geben. Eine kleine Kostprobe dazu gab es bereits am Sonntag: „Aber glücklich macht das nicht“, hieß es. Am Ende gab es stehende Ovationen, viele verkaufte Heckel-Bücher und den Wunsch auf ein Wiedersehen.

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