Vater der Beetzendorferin starb nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetischer Gefangenschaft / Kassiber ans Danneil-Museum übergeben

Irmgard Tepelmann: Das „Lager des Schweigens“

Irmgard Tepelmann aus Beetzendorf berichtete über das „Lager des Schweigens“, in dem ihr Vater starb. Foto: Hamann

Beetzendorf. Irmgard Tepelmanns Vater starb drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem sowjetischen Speziallager – darüber berichtete die Beetzendorferin im Salzwedeler Gymnasium. „Ich bin die Tochter des Herrmann Gause“, stellte sie sich vor.

Ihr Vater kam anscheinend in das Speziallager, weil er Funktionsträger in der NSDAP war – er hatte während des Krieges die Kassenwartfunktion übernommen. „Vielleicht hat ihn auch jemand während eines Verhörs denunziert“, mutmaßte Irmgard Tepelmann. Denn damals nach dem Kriegsende wurden „Uniformträger und aktive Nationalsozialisten“ alle 14 Tage in Salzwedel verhört. Einige davon entzogen sich dem durch Umzug ins Gebiet der westlichen Alliierten, aber nicht Herrmann Gause, der mit Frau und zwei Kindern in Beetzendorf wohnte. „Ich war 15 und unser Vater war nicht im Fokus der Untersuchungen“, erinnert sich Irmgard Tepelmann.

Dann wurde er doch inhaftiert, zuerst in Zellen des Beetzendorfer Amtsgerichtes – heute ist das das Gymnasium. „Wir haben dort Sachen für ihn abgegeben, es hieß, die Verhafteten kommen woanders hin“, berichtet die Beetzendorferin. Durch ein kaputtes Fenster und mit zusammengeknüllten Zetteln und einer Zwille (Katapult) informierten die Inhaftierten ihre Angehörigen draußen. „Daher wussten wir, dass sie da waren, aber eines Tages waren sie weg“, sagt Irmgard Tepelmann. Auch als ihr Vater ins Speziallager Mühlberg verlegt wurde, konnte er sporadischen Kontakt halten – ungewöhnlich, denn das war verboten. „Er hat Zeitungsränder oder Flaschenetiketten genutzt, um uns zu schreiben“, erklärt Irmgard Tepelmann. Die Zettel wurden aus dem Lager heraus geschmuggelt und irgendwo abgelegt, in der Hoffnung, dass jemand diese findet und an die angegebene Adresse schickt. Das gelang recht oft – alle erhaltenen dieser Kassiber übergibt Irmgard Tepelmann dem Danneil-Museum in Salzwedel.

Jedoch wurden die Bedingungen im Speziallager, wie der Zeitzeuge und damalige Insasse Eberhard Hoffmann ergreifend berichtete, immer schlechter, was Ernährung und Hygiene anging. So starb Irmgard Tepelmanns Vater eines Tages – woran genau, wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Die Familie erfuhr von einem Bekannten davon, offiziell drang nichts nach draußen. Nicht umsonst hießen die Speziallager auch „Lager des Schweigens“. „Später habe ich meinen Vater für tot erklären lassen, um meinem kleinen Bruder eine Halbwaisenrente zu sichern“, erinnert sich Irmgard Tepelmann. Erst nach Öffnung der Archive in der Sowjetunion erhielt die Familie eine Todesurkunde. „Vorher hatten wir schon eine Suchanzeige beim Roten Kreuz abgegeben“, berichtet Irmgard Tepelmann, „so bekamen wir einen Beleg, dass er inhaftiert war – aber laut Beleg ausdrücklich nicht nach rechtsstaatlichen Maßstäben.“ Sie wisse nicht, warum genau er in Haft war; „uns hat die Familie aufgefangen“. Was Irmgard Tepelmann stört: „Noch heute wird die Meinung vertreten, na ja, man kann ja nie wissen, irgendein Grund wird ja vorgelegen haben.“ Sie rechne es der Gemeindevertretung hoch an, dass in alten Protokollen steht, „dass alle Verhafteten nicht zu den aktiven Nazis gehörten.“

Von Steffen Hamann

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