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Uromas Liebesbriefe entziffert

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Von: Kai Zuber

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Ein älterer Herr steht in einer Museums-Dorfschule vor einer großen Tafel und erklärt zwei Kindern die historische Sütterlin-Schrift.
Natürlich mit Rohrstock: Der Diesdorfer Museumslehrer Heinz-Günter Klaas lädt Interessierte am 5. März wieder zu einem neuen Sütterlin-Grundkurs in die Dorfschule des Freilichtmuseums Diesdorf ein. © Kai Zuber

Eigentlich könnte der pensionierte Diesdorfer Deutschlehrer Heinz-Günter Klaas längst die Beine hoch legen, im Garten bei seinen geliebten Tomaten in der Sonne sitzen und dem Gemüse beim Wachsen zusehen. Doch der Senior will es noch einmal wissen: Mit Sütterlin liegt Klaas nämlich voll im Trend. Am Sonnabend, 5. März, läuft von 13 bis 17 Uhr an der „Akademie für alte Schrift“ im Haus Püggen im Diesdorfer Freilichtmuseum der nächste Sütterlin-Grundkurs.

Eine Frau steht vor einer Wand mit Sütterlin-Schriftzeichen und hält ein Buch mit der alten deutschen Schrift in die Höhe.
wer hat Mut und versucht sich hier? Das steht links oben auf der Tafel in Sütterlin. Auch heute noch stoßen Kurse zum Erlernen dieser alten deutschen Schrift auf großes Interesse, kommt man doch etwa bei der Ahnenforschung um solche Kenntnisse nicht herum. © Waltraud Grubitzsch (dpa)

Diesdorf – Die Sütterlinschrift ist eine von dem Berliner Grafiker Karl Ludwig Sütterlin (1865 bis 1917) geschaffene Schreibschrift, die seit 1915 bis etwa 1940 in deutschen Schulen gelehrt wurde. Sie wird im Volksmund auch die deutsche Schrift genannt, die in der heutigen Zeit keine Anwendung mehr findet. Viele Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit der Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern besitzen heute für die Nachkommen einen unschätzbaren Wert, etwa bei der Familien- oder Ahnenforschung. Häufig sind diese Schriftstücke schwer zu entziffern, da sie in Sütterlin oder Kurrent geschrieben sind. In dem Kurs werden die Teilnehmer das Sütterlin-Alphabet schreiben und lesen lernen sowie in zahlreichen Texten anwenden. Es handelt sich dabei um die gebräuchliche Alltags-Sütterlinschrift. Am Ende des Lehrganges werden die Schüler gemeinsam mit Lehrer Klaas versuchen, alte Schriftstücke zu „übersetzen“. 1894 schuf Sütterlin unter anderem das erste Markenabzeichen und hob den Elektrokonzern AEG aus der Taufe. Bekannt wurde Sütterlin aber für die von ihm geprägten Ausgangsschriften für die Schule. 1911 entwickelte er im Auftrag des preußischen Kultusministeriums eine deutsche und eine lateinische Ausgangsschrift. „Sie wurde 1915 erstmals an preußischen Lehranstalten eingeführt und gelange also fast genau vor 100 Jahren auch in die Altmark“, berichtet Heinz-Günter Klaas.

Das Interesse an der altdeutsche Schrift geht dabei quer durch alle Generationen: Teilnehmer zwischen 8 und 80 Jahre drücken bei Hans-Georg Klaas freiwillig die Schulbank. Die Schulstunden finden zumeist in der kleinen Dorfschule des Diesdorfer Freilichtmuseums statt. Den Grund für das anhaltend große Interesse hat „Dorflehrer“ Klaas auch ausgemacht: „Meine Schüler sind nicht ohne Grund an der wunderschön anzusehenden alten Handschrift interessiert. Sie haben zum Beispiel die alte Korrespondenz ihrer Urgroßeltern auf dem Dachboden gefunden und sind nun neugierig geworden“, erklärt er. Nicht selten sind mit den schönen Handschriften wichtige Informationen zur Erforschung der Familienchronik oder der Heimatgeschichte „versteckt und verschlüsselt“. „Aber auch Liebes- und Kriegsbriefe von den Fronten des Ersten und Zweiten Weltkrieges liegen oft noch ungelesen in den Privatarchiven der Altmärker und warten auf ihre Entdeckung“, so Klaas weiter.

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