Die Höllenwiesen vom Rhein

Zum stummen Zeugen wurde Lehneckes Wehrmachtskalender. Das Foto zeigt den damals 16-Jährigen nach der Einberufung.

Dähre. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Bei den deutschen Soldaten, die überlebt hatten, keimte neue Hoffnung auf. Doch für unzählige Kriegsgefangene erlosch diese Zuversicht in den berüchtigten Rheinwiesenlagern, wo Hunger und Seuchen vorherrschten. Hunderttausende fanden hier den Tod. Unter den Überlebenden der Katastrophe war der Dährer Heinz Lehnecke. Voller Grauen erinnert sich der 83-jährige pensionierte Landwirt an die Zustände hinter Stacheldraht.

Mit 16 Jahren einberufen

Ohne Tränen geht es nicht ab, wenn sich Heinz Lehnecke an die Schrecken in seiner frühesten Jugend erinnert. „Über das, was wir erlebt haben, muss berichtet werden, denn diejenigen, die damals Zeugen des Schreckens waren, werden immer älter“, so der Dährer.

Mit einer grauen Einschreiben-Postkarte aus Salzwedel beginnt für Heinz Lehnecke der erste Akt des Dramas. Damals, Mitte April des Jahres 1944, war er gerade erst 16 Jahre alt. Der „Jugendführer des Deutschen Reiches“ erteilte den Einberufungsbefehl. Neben den Rentnern zählte die Hitlerjugend zum letzten Aufgebot. „Du wirst zur Erfüllung Deiner Jugenddienstpflicht zum Wehrertüchtigungslager einberufen“, heißt es in strengem Ton.

Im Salzwedeler „Haus der Jugend“ trafen sich die Teilnehmer des Bannes 410. Vom 30. April bis zum 21. Mai 1944 ging es nach Fallingbostel in die Heide. Dann bis zum 21. November zum Reichsarbeitsdienst (RAD). Ab dem 18. Januar 1945 waren Heinz Lehnecke und die anderen Steppkes in Holzminden als Pioniere eingesetzt. Dann wurden sie in Kompanien aufgeteilt.

Am 27. März erlebte Hitlers letztes Aufgebot den Angriff auf Paderborn. Immer wieder wurde die Truppe in schwere Gefechte mit amerikanischen Panzern verwickelt. Am Ostermontag schlug sich die Einheit gegen Mitternacht nahe Holzminden aus einem Kessel. In seinem Wehrmachtsmerkbuch von 1945 notierte Lehnecke am 4. April: „Ruhe in Holzminden. Füße auskuriert. Neu eingekleidet. Vati Geburtstag.“

Doch kurz nachdem Heinz Lehnecke noch einmal 200 Zigaretten eintauschen konnte, kamen die „Tommys“. Bei Sebexen am Harz grub sich die Truppe, 30 Mann, ein Feldwebel und drei Unteroffiziere, ein.

Kriegsgefangenschaft

Doch es half nichts. Die Soldaten gingen in Gefangenschaft. Dort begann das Elend – des Dramas zweiter Akt. Das Wort „Lager“ taucht von nun an in Lehneckes Notizheft unzählige Male auf: Sammellager, Massenlager, Camps.

Am Rhein war Endstation der Transporte. Bei Hitze wurden die Gefangenen notdürftig zusammengepfercht. Allein das Lager Wickrat hatte 36 Camps, in denen jeweils 7 000 Kriegsgefangene untergebracht waren, insgesamt also über 250 000 Mann. Auch Heinz Lehnecke landete in diesen berüchtigten Rheinwiesenlagern von Andernach, Sinzig und Wickrat.

Wochenlang mussten die gefangenen Soldaten im Freien kampieren. Viele von ihnen kamen aus dem Ruhrkessel. Zu den bekanntesten Insassen zählte Heinz Günther Guderian, Sohn des legendären Panzergenerals. Es breiteten sich rasch Seuchen aus, weil verschmutztes Rheinwasser mit Feuerwehrschläuchen als Trinkwasser in die Lager gepumpt wurde. Zudem gab es kaum etwas zu essen.

Die Hölle auf Erden

„Es war die Hölle. Wir kampierten 86 Tage auf freiem Feld. Der Boden war vom Regen aufgeweicht. Viele starben an Ruhr und Cholera. Erst später kamen wir in ein Zeltlager nach Belgien“, erinnert sich Heinz Lehnecke. Doch er hatte Glück im Unglück. Die vielen Impfungen bei seiner Einberufung retteten ihm wahrscheinlich das Leben.

Wie Lehnecke vermutet, lagen sie bei älteren Frontkämpfern zu lange zurück. So boten ihre Körper gegen die Seuchen keinen Widerstand.

Zu einem stummen Zeugen und geduldigen Kameraden wurde zu jener Zeit Lehneckes vergilbter Wehrmachtskalender. „Ich versteckte ihn zusammen mit einem kleinen Bleistiftstummel im Ärmel. Wenn ihn die Bewacher gefunden hätten, hätten sie mich wahrscheinlich erschossen“, so der Dährer.

„Die Tage wurden zur Qual. Zehn Mann teilten sich elf Backpflaumen, 100 Mann ein Brot“, notiert Lehnecke in dem Büchlein, das er wie eine heilige Reliquie hütete. Kaum Verpflegung, wenig zu trinken und Mitte April 1945 hielten Läuseplagen Einzug. Starkem Regen folgte Kälte.

Der kanadische Journalist James Bacque schätzt die Zahl der Todesopfer in amerikanischen und französischen Lagern 1945/46 auf nahezu eine Million. Für ihn ist das Leid der Kriegsgefangenen mehr als nur eine Fußnote in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Heinz Lehnecke landete in einem Lager bei Remagen. Viele klagten über Kopfschmerzen und Durchfall, täglich gab es Tote. Am 13. Mai notiert Lehnecke: „Am Sonntag im Rhein erfrischt, anschließend Hemden gewaschen und entlaust. Ich fühle mich wie neu geboren.“

Im August konnten vom neuen Lager im belgischen Brügge-Ostende die ersten Briefe nach Hause geschickt werden. Die kontaktfreudigen Altmärker fanden sich im Lager nach Aufrufen am schwarzen Brett zusammen. Die Freunde kochten zusammen. „Damals habe ich mir vorgenommen, Landwirt zu werden, um niemals mehr zu hungern“, sagt Heinz Lehnecke.

Wieder zu Hause

Kurz vor Weihnachten 1945 wurde Heinz Lehnecke endlich entlassen. Mit dem Zug ging es nach Osnabrück. An der Grenze in Kortenbeck stoppte ihn ein russischer Soldat. „Ich hatte Angst, denn ich wollte nicht nach Sibirien. Dann sagte ich, dass ich nur zu Mama wolle.“

Als 1989 die Mauer fiel, fuhr er nach Sebexen an die Stelle seines letzten Gefechts. Danach engagierte er sich im Heimkehrerverband. „Heute bin ich der Einzige in Dähre“, so Lehnecke.

Von Kai Zuber

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