Jagdunfall vor 70 Jahren

Vier Kugeln in der Hüfte

Ein alter Mann steht in seinem Wohnzimmer mit unzähligen Gehörnen und Geweihen an den Wänden.
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Heinrich Bültge aus Lüdelsen ist seit sieben Jahrzehnten begeisterter Weidmann. Dutzende Jagdtrophäen zieren bis heute das heimische Wohnzimmer.
  • VonKai Zuber
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An die erstaunten Blicke der Ärzte bei der Auswertung seiner Röntgenbilder hat sich Heinrich Bültge im Laufe der Jahrzehnte gewöhnt: Bald wird der Mann aus Lüdelsen 92 Jahre alt, und seit nunmehr 70 Jahren trägt er vier Kugeln in der Hüfte mit sich herum. Es sind die Reste von insgesamt acht Treffern eines Neun-Millimeter-Sauenposten-Geschosses, das eigentlich für ein Wildschwein bestimmt war. Heinrich Bültge hat somit eine „bleibende Erinnerung“ an einen tragischen Jagdunfall.

Kein Jägerlatein: Das Röntgenbild belegt, dass vier Kugeln in Heinrich Bültges Hüfte stecken.

Lüdelsen – Angesichts dieses doch recht einmaligen „Jubiläums“ erzählt Heinrich Bültge, wie es dazu kam: Damals war er noch Treiber bei einer Treibjagd. „Ich wurde mit einem Keiler verwechselt“, kann der 91-Jährige heute noch über den am Ende recht glimpflich ausgegangenen Unfall schmunzeln. Damals war Bültge 20 Jahre alt, als er nach einem abgegebenen Schuss eines Mitjägers auf ein Stück Schwarzwild einen dumpfen Schmerz in Gesäß, Hüfte und Rücken verspürte. In der Gesäßtasche trug Heinrich Bültge ein Notizbuch, dass sich augenblicklich rot färbte. Erst ganz langsam dämmerte dem Jagdhelfer, dass er im Wald von einem Jäger der Treibjagd angeschossen wurde. „Der Hund fing an zu jaulen und ließ plötzlich von dem Keiler ab, den er eigentlich verfolgen wollte. Dann wurde ich ins Forsthaus getragen, wo bereits die Polizei wartete, um den Unfall aufzuklären. Danach kam ich ins Krankenhaus“, berichtet Heinrich Bültge. Vier der großen und heute verbotenen Sauenposten wurden aus dem Gesäß und der Hüfte heraus operiert. Der damalige Arzt meinte wohl, dass er mehr Schaden an der Hüfte und den empfindlichen Nervensträngen anrichten würde, wenn er die vier restlichen Kugeln, die recht tief im Fleisch steckten, auch noch heraus holen würde. „Also ließ er sie drin. Und da stecken sie noch bis heute“, schmunzelt Bültge. Als Beleg für diese fast unglaubliche Jagdgeschichte zeigt er ein Röntgenbild aus dem Krankenhaus. Also kein Jägerlatein! In der Hüfte kann man deutlich die vier Kugeln sehen, die als weiße Punkte auf dem Foto erscheinen. Wegen des Unfalls wäre Heinrich Bültge heute wegen der hohen Versicherungssummen bei Jagdunfällen wohl ein ziemlich reicher Mann geworden. „Damals hab ich nur 100 Mark Schmerzensgeld bekommen“, erinnert sich der betagte Senior.

Heinrich Bültges ganzer Stolz ist sein geliebter Drilling, eine wunderbare und legendäre Jagdwaffe aus Suhl.

Später stieg Heinrich Bültge wegen seiner Zuverlässigkeit zum Jagdleiter auf. Stolz zeigt er noch heute seinen geliebten Drilling – eine wunderbare und präzise Suhler Jagdwaffe. „Ich jagte Jahrzehnte lang nur mit einem Zielfernrohr mit vierfacher Vergrößerung. Der Drilling, ein Liebhaberstück, schießt so genau, dass auf 100 Meter die Treffer nur wenige Millimeter von einander abweichen. Ich habe die Waffe selbst eingeschossen“, berichtet der erfahrene Weidmann stolz. Mit seiner Ehefrau Christa ist Heinrich Bültge 70 Jahre verheiratet. Die AZ berichtete über die Gnadenhochzeit des Paares. Auch die „bessere Hälfte“ ist eine begeisterte und treffsichere Jägerin. Fast 100 Jagdtrophäen schmücken heute das heimische Wohnzimmer in Lüdelsen, der Rest der Geweihe und Gehörne hängt im Schuppen.

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