„Wir haben keine Chance bekommen“

Harley-Davidson-Club „Ragtag“ soll Westernstadt am See in Ahlum abreißen

Westernstadt in Ahlum
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Der Harley-Davidson-Club „Ragtag“ soll die Westernstadt in Ahlum abreißen. Das könnte weitreichende Folgen für den Tourismus haben, der dort noch im Aufbau ist.
  • Jens Heymann
    vonJens Heymann
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Laut Rohrbergs Bürgermeister Bernd Schulz will die Gemeinde nach dem Kauf des Ahlumer Sees von der Beetzendorfer Agrargenossenschaft mit Fördermitteln auf dem Areal ein touristisches Entwicklungskonzept verfolgen. Auch ein Planungsbüro wurde zu diesem Zweck bereits beauftragt, erklärte Schulz der AZ.

Ahlum (von Kai Zuber) – Doch vor Ort am See erscheint die Sache in einem ganz anderen Licht. Denn dort hat die Kommune unter Schulz’ Regie in ihren ersten Schritten als Neueigentümer des Sees binnen weniger Wochen offenbar alles getan, um die aktuell agierenden Protagonisten in Sachen Tourismus komplett vor den Kopf zu stoßen, anstatt mit ihnen konstruktiv das Gespräch zu suchen.

Der Harley-Davidson-Club „Ragtag“ soll nach dem Willen von Bernd Schulz die Westernstadt am See in Ahlum abreißen. Vordergründig wurde dies wohl mit einer bauamtlichen Verordnung begründet, so die Vereinsmitglieder der Biker-Truppe, deren Mitglieder aus ganz Deutschland kommen. Über 15 Jahre lang wurden sie mit Genehmigung des Voreigentümers am Seeufer geduldet. In dieser Zeit entstand am Seeufer eine sehenswerte kleine Westernstadt aus Holz ohne Fundamentgründung.

Dann kam im vergangenen Herbst der Eigentümerwechsel, nachdem die Mitglieder des Harley-Davidson-Clubs mehrmals mit der Gemeinde das Gespräch gesucht hatten und auch zwei offizielle Briefe diesbezüglich an Bernd Schulz versandten. Wochenlang herrschte Funkstille, und die Biker warteten auf eine Antwort.

Nun schickte Schulz plötzlich am 29. März per E-Mail eine Einladung zu einem einzigen Termin im Bauamt der Verbandsgemeinde – am 1. April. Dass diese kurze Ladungsfrist völlig unzumutbar ist und der Termin daher auch nicht wahrgenommen konnte, spricht für sich.

„Wir haben keine echte Chance bekommen, jemals in Ruhe unsere Vorstellungen oder Ideen einzubringen, denn wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg“, sagte Andreas Wingenfelder, erster Vorsitzender des Harley-Davidson-Clubs „Ragtag“ beim Pressetermin am Freitag am See. Auch dass die Westernstadt zurückgebaut werden soll, erfuhren die Biker nicht wie üblich in einem amtlichen Schreiben. Stattdessen rief Bürgermeister Bernd Schulz am 16. April den Bikerverein telefonisch an. „Das ist kein guter Stil und auch nicht professionell“, so die Harley-Davidson-Freunde.

Das Ganze schlägt nun hohe Wellen, deren Ausmaße derzeit noch gar nicht abschätzbar sind, denn mit den Bikern will auch die Pächterin der Ahlumer Fischerhütte hinschmeißen, die bislang vor Ort die einzige Ansprechpartnerin für Touristen war und sich um vieles kümmerte: „Die Biker waren meine wichtigste Einnahmequelle. Muss der Verein gehen, höre ich zum Jahresende auf. Die Corona-Zeit war schon schwer genug für mich“, erklärte Sibylle Freitag, die übrigens vom Verkauf des Sees erst über den Buschfunk erfahren haben will.

Auch die große Mehrheit der Einwohner des Dorfes Ahlum und die Feuerwehr stehen auf der Seite der Biker. „Es gab nie Probleme und immer ein gutes Miteinander“, bestätigt Wehrleiter Hendrick Becker und wundert sich über das Verhalten des Bürgermeisters in der Sache. Einen Ratsbeschluss dazu habe es nie gegeben – lediglich eine Info mit Verweis auf das Bauamt, hieß es.

Und der Rückhalt für die Biker steigt: Die Trabi-Freunde, der Ford-Club, der Belgische Schäferhund-Club und die Pfadfinder, die regelmäßig am Ahlumer See campen, und auch viele Tagestouristen haben immer von der Westernstadt und den in die Jahre gekommenen, zahmen Rockern profitiert. Unzählige Arbeitseinsätze am See, an der Fischerhütte, beim Saubermachen, beim Grasmähen und beim Abfischen hat es gegeben, und auch in Zukunft wollen sich die Biker gern mehr einbringen. „Dass wir jetzt gehen sollen, versteht niemand. Wir passen mit unserem Angebot doch voll in das angedachte Tourismuskonzept“, wundert sich Biker-Vizechef Norbert Wingenfelder über die Widersprüchlichkeit. Man habe bei Veranstaltungen auch stets darauf geachtet, dass regionale Firmen zum Zuge kommen und das Geld im Ort bleibt.

„Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt. Nie gab es Ärger“, bekräftigt Clubpräsident Oliver Rettig von den „Ford Devil’s Altmark“, die jährlich mit hunderten Fans am See campen. Mit dem Bauordnungsamt des Altmarkkreises sei man bezüglich der Westernbauten vor gut einem Jahr fast schon zu einem positiven Ergebnis gekommen. Dann kamen Corona und der Eigentümerwechsel im Herbst.

„So schnell geben wir aber nicht auf. Wir werden das Gespräch suchen. Das Areal am Ahlumer See ist schließlich für Tourismus und Kultur ausgelegt“, betonte Andreas Wingenfelder.

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