Bernd Liedl berichtet vom größten Abenteuer seines Lebens in Diesdorf

Geheimgang des Klosters erkundet

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Bernd Liedl (69) zeigt den Eingang zum geheimnisvollen unterirdischen Klostergang.

Diesdorf. Eine kleine, unscheinbare Holzklappe verdeckt heute das größte Geheimnis in der Diesdorfer Klosterkirche überhaupt: Es ist der uralte Einstieg zum Geheimgang des Klosters. Nur ein winziges Loch im Gemäuer ist von dem einstigen Mysterium geblieben.

Knapp ein mal ein Meter groß ist dieses Loch. Heute sind weite Strecken des hunderte Meter langen geheimnisvollen Ganges zugeschüttet. Doch nicht wenige Diesdorfer können sich noch an den unterirdischen Flucht- und Sicherheitstunnel aus der Klosterzeit erinnern.

Zu ihnen gehört der heute noch amtierende Diesdorfer Küster Bernd Liedl. Die Faszination seiner Jugend an und in der alten Kirche hat ihn bis heute nicht losgelassen. Der 69-Jährige gehört zu den wenigen Menschen, die den alten Klostertunnel komplett erforscht haben. Stück für Stück kommen die Erinnerungen wieder: „Ich bin Jahrgang 1942. Es muss im Jahre 1952 gewesen sein, als sich unsere Jugendtruppe spontan vornahm, den Gang zu erkunden“, sagte Bernd Liedl. Der Küster muss lachen, als er von dem verrückten und sehr gefährlichen Vorhaben der Clique erzählt: Die Knirpse rutschten durch den alten Eingang in den Tunnel hinein. Innerhalb der Diesdorfer Klosterkirche ging es zunächst steil hinunter, dann wurde der unterirdische Gang flacher. „Wenn ich heute daran denke, war das Unternehmen natürlich sehr gefährlich. Wir wussten ja überhaupt nicht, wo wir wieder rauskommen“, erinnert sich Bernd Liedl an das wohl größte Abenteuer seiner Jugend. Dass es überhaupt einen Ausgang gibt, war ebenfalls nicht sicher. Der Gang war teilweise verschüttet, zwischendurch ging mal eine Kerze, mal eine Lampe aus.

Doch nach etwa 1000 Metern wurde es plötzlich heller: „Der Tunnel führte in östliche Richtung, in den Diesdorfer Wohld. Dort gab es endlich einen Ausgang. Das wurde auch Zeit, denn wir bekamen es mit der Angst zu tun und waren schon krumm und lahm vom Kriechen“, so Liedl. Der 69-Jährige erinnert sich auch noch daran, dass er mit seinen Freunden im Wald ein Picknick veranstaltete und Eicheln und Haselnüsse suchte. „Doch als unsere Eltern von dem Abenteuer erfuhren, haben sie uns den Hintern versohlt“, lacht Bernd Liedl heute. Seiner Meinung nach standen diese „Dummheiten“ damals in keinem Verhältnis zu dem Unsinn, den die Jugend heute oftmals verzapft.

Mitte der 1950er-Jahre wurde der unterirdische Gang komplett zugeschüttet und der Zutritt in der Kirche verschlossen. Es war einst wohl der Fluchtweg der Klosterangehörigen: Nonnen und Priester konnten zu Kriegszeiten und bei Gefahr das Klostergelände verlassen und jenseits der Klostermauer ungesehen verschwinden.

Waltraud Tornow vom Diesdorfer Gemeindekirchenrat kann sich noch gut an die alte Sakristei erinnern, die in den 1950er-Jahren abgerissen wurde, weil sie baufällig war. Etwa zu dieser Zeit wirkte Pastor Gerhard Ritzke. Wie aus historischen Quellen hervorgeht, wurde im Jahre 1161 durch Hermann von Warpke-Lüchow in Diesdorf auf der Talsandinsel Marienwerder ein Augustinerdoppelkloster gegründet. Dem Kloster wurden acht wendische Dörfer übergeben. Außerdem wurde es mit weiteren Gütern reichlich ausgestattet. Später kamen zu dieser Stiftung Schenkungen der Grafen Lüchow und Dannenberg sowie der Familie von dem Knesebeck hinzu. Wie nach Überlieferungen bekannt ist, wurde im Stiftungsjahr in Diesdorf fieberhaft an der Kirche gearbeitet. Sie wurde am 10. Dezember 1161 geweiht. Die Talsandinsel, auf der gebaut wurde, sei eine kleine Erhebung im sumpfigen Umland gewesen, so Pastor Gotthold Hofmüller. Teiche und Tümpel prägten noch lange die Klosteranlage im Umfeld.

Das Kloster entwickelte sich prächtig: Zum Ende des Mittelalters besaß es 46 Dörfer und 21 Anteile an weiteren Ortschaften. Ab etwa 1300 war Diesdorf ein reines Frauenkloster mit 60 Nonnen. Nach der Reformation wurde es in eine Landesdomäne umgewandelt, blieb jedoch bis 1810 als evangelisches Jungfrauenstift bestehen.

Von Kai Zuber

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