Götterfreund und Hexentier: Der geheimnisvolle Osterhase kommt im Morgengrauen

Früher waren die Eier gelb und rot

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Der geheimnisvolle Osterhase kommt am Sonntag im Morgengrauen. 

rl Abbendorf. Warum bringt der Hase zu Ostern ausgerechnet Hühnereier? Warum der Hase und nicht der listige Fuchs? Über all diese Fragen wusste Rektor Wilhelm Schröder, der in Abbendorf um 1920 als Lehrer wirkte, eine Antwort.

In seinem Buch „Vom Aberglauben im Hansjochenwinkel und anderswo“, Ausgabe 1925, beschreibt er viele Sitten und Gebräuche der westlichen Altmark. Wie Schröder darin berichtete, waren es zur damaligen Zeit noch rot und gelb gefärbte Hühnereier sowie Schokoladeneier mit bunten Bändern und Schleifen verziert, die in die von den Kindern heimlich gebauten Nester gelegt wurden.

Dass es ausgerechnet Hühnereier sind, die versteckt wurden, führt der Verfasser auf heidnische Sitten zurück. So berichtete er, dass die Hühner dem Donnergott Donar heilig waren und zu seinen Opfertieren gehörten. Anstatt der Hühner opferte man zuweilen die Eier derselben, welche die rote Farbe des Donnerkeiles erhielten. Diese Eieropfer wurden gewöhnlich bei der Frühjahrsbestellung dargebracht, um von Donar Schutz vor Hagelschauer und Wetterschlag sowie Wachstum und Gedeihen der Saaten zu erbitten.

Wie Schröder weiter schreibt, standen die Eier aber auch in Beziehung zur Sonnenfrau Frija, die durch ihre Strahlen die Natur im Frühjahr zu neuem Leben erweckt. Deshalb opferten die Menschen der Göttin beim Frühlingsanfang Eier, die nach den Sonnenfarben rot und gelb bemalt waren.

Später gestaltete die Kirche das heidnische Eieropfer im christlichen Sinne um. Das Osterfest der Christen fiel ja genau in die Zeit der Ackerbestellung. Die Eier hießen bald Ostereier. In vielen Dörfern gingen Jugendliche von Haus zu Haus und sammelten Ostereier, die sogar in einen Zins umgewandelt wurden.

Noch um 1925 gab es Orte in der Altmark, in denen Pfarrer und Küster zu Ostern Eier erhielten. Beim Sammeln sangen die Kinder auf Platt: „Teihn Eier, teihn Eier in miene Kiep, seo wern‘n jäi selig, nu wai wern‘n riek! Un wenn jäi uns de teihn Eier nich gäm‘n, schall uns Haohn eok jiu Huihner nich mehr trän‘n.“

Der Hase als Eierbringer kommt erst in der christlichen Zeit ins Spiel. Das Langohr, so Rektor Schröder, galt einst als Sinnbild der Fruchtbarkeit und wurde mit der Sonnengöttin in Verbindung gebracht. Später gehörte er als Hexentier oder Gespenst zum Teufelsreich. Und in dieser Eigenschaft ist er laut Schröder zu dem Eierzauber fähig. Heimlich kommt das geheimnisvolle Tier im Morgengrauen des ersten Ostertages und legt die Eier in die an versteckten Nester. Und noch heute heißt es dann: „Der Osterhase, der Osterhase! Soeben habe ich ihn vorbeilaufen sehen!“ Es ist immer wieder faszinierend, wie der Osterhase auch die verborgensten Nester findet. Frohe Ostern.

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