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Erinnerungen an die letzten Kriegstage in der Region Jübar

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Von: Kai Zuber

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Das Ehrenmal der Gefallenen in Lüdelsen. Jedes Jahr lässt es sich die Gemeinde Jübar um Vize-Bürgermeister Lutz Peters (3.v.l.) nicht nehmen, die Toten mit Blumen zu ehren. © Kai Zuber

Heinrich Bültge ist einer der letzten Augenzeugen, die über die Zeit von Januar bis Mai 1945 in der Gemeinde Jübar und speziell in Lüdelsen berichten können. Der heute 91-jährige Rentner hat ein gutes Gedächtnis. Vor allem, wenn es um solche einschneidenden Erinnerungen geht, wie er sie vor allem im April kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegeben hat.

Lüdelsen. Heute erinnert ein kleiner Waldfriedhof bei Lüdelsen an die letzten, tragisch und vor allem völlig sinnlos ums Leben gekommenen Soldaten. Jedes Jahr lässt es sich die Gemeinde Jübar um Vize-Bürgermeister Lutz Peters nicht nehmen, die Toten mit Blumen zu ehren. „Unser Onkel Heinrich hat uns viel über die letzten Kämpfe erzählt“, sagt Peters. Und: „Alle, die ihm aufmerksam zugehört haben, wissen, wie sinnlos und furchtbar ein Krieg ist. Das wollen wir und unsere Kinder nie erleben“, betont der Lüdelsener gerührt.

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Heinrich Bültge (91) ist einer der letzten Zeugen der Kämpfe des Zweiten Weltkrieges in der Region Jübar-Lüdelsen. © Kai Zuber

Heinrich Bültge war damals, im Frühjahr 1945, erst 15 Jahre jung. Im Januar hatte er als Offiziersbewerber bei den Panzergrenadieren in Nordheim seine dritte Prüfung gemeistert. Am 10. April kamen etwa 100 sowjetische Kriegsgefangene nach Lüdelsen, die auf die Bauernhöfe verteilt wurden. Die Alliierten hatten Anfang April die Weser überschritten und kamen infolge geringer Gegenwehr vor allem zwischen Harz und Heide flott voran.

Speerspitze in der Altmark waren vor allem die 9. US-Armee und die 5. US-Panzer-Division. Weitere Infanterie-Divisionen folgten. Am 11. April 1945 wird mit Böckwitz die Altmark erreicht. Dann folgt der Ort Gladdenstedt. In Jübar, so berichten die Einwohner, wird der Dorfpolizist niedergeschossen. Bei Lüdelsen sterben weitere Soldaten: Wolfgang Großmann, Fritz Gerbig, Karl Schumann und ein Unbekannter.

An jenem 11. April wollte Heinrich Bültge nach Klötze, um Passbilder abzuholen, doch dort fand er bereits alle Türen und Fenster verrammelt. Wieder zurück, kamen ihm Landser entgegen und riefen: „Zieh deine Uniform aus!“ , erinnert sich Bültge. Dennoch gab es Widerstand. Parteifunktionäre ließen bei Rohrberg Straßensperren errichten.

Dann entdeckt der 15-Jährige die ersten Feindflieger über der Altmark. Der grausame Krieg kommt nach Lüdelsen, als die Mutter von Heinrich Bültge mit ansehen muss, wie ein flüchtender Soldat auf dem Kartoffelacker erschossen wurde.

Die nächsten Toten gibt es zwischen Lüdelsen und Stöckheim. Einige der Soldaten wollten sich ergeben, doch sie wurden trotzdem erschossen. Heinrich Bültges heimlicher Versuch, den Angeschossenen auf dem Acker zu bergen, war zunächst erfolglos.

Dem deutschen Soldaten war nicht mehr zu helfen. Zurück zu Hause, bekam der Junior von der Mutter für diese „fixe Idee“ den Kopf gewaschen.

Am 12. April 1945 wurden alle Waffen der Dorfbewohner von den Amis vernichtet, Ferngläser, Radios und Motorräder konfisziert. Dann halfen die Einwohner bei der Bergung der Toten. Heinrich Bültge und seine Mutter waren mit dabei. Der Tischler musste zunächst vier Särge bauen, dann wurden die Soldaten auf dem Lüdelsener Friedhof begraben. Weitere elf Soldatengräber gibt es im Wald.

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