Hunderte radioaktive Zaunpfosten

Erdgas-Altlasten: Bei Uli Ehlers aus Quadendambeck schlägt Geigerzähler aus

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Uli Ehlers (l.) mit Umwelt-Ingenieur Bernd Ebeling bei der Messung: Das Gerät zeigt 2,5 Mikrosievert pro Stunde an. Das ist eine etwa 35-mal höhere Strahlung, als sie natürlich vorkommt.

Quadendambeck – Früher wurden sie als Stahlrohre in verschiedenen Zoll-Stärken zur Gasförderung aus Tiefen von 3000 bis 3500 Meter eingesetzt, heute sind sie strahlender Sondermüll, der die Umwelt schwer belastet.

Hunderte solcher radioaktiver Zaunpfosten stehen bis heute in den Gärten der Region - als ausrangierte Erdgas-Altlasten aus der Altmark.

Bei Uli Ehlers aus Quadendambeck schlägt im Garten der Geigerzähler aus, als er einen Fachmann zurate zieht, die Strahlung der ehemaligen Gasförderrohre zu messen. Das alles filmte ein Team des MDR-Fernsehens.

Als Ehlers ein Nachbargrundstück übernahm, zog er den Ingenieur Bernd Ebeling zurate, denn er rechnete bereits damit, dass die alten Stahlpfähle seines Maschendrahtzaunes kontaminiert waren. „2,5 Mikrosievert pro Stunde. Das ist eine etwa 35-mal höhere Strahlung, als sie natürlich vorkommt“, las der Fachmann und Umwelt-Ingenieur vom gelben Spezialmessgerät ab. Ebeling empfahl dem Gärtner aus dem Winterfelder Ortsteil, seine Pfosten fachgerecht zu entsorgen.

Doch dann geschah das Unerwartete: Bei einem Schrotthändler angekommen, schlug ein Warn-Messgerät gleich an der Einfahrt zum Schrottplatz ebenfalls Alarm. Fazit: Der Händler nahm den Schrott gar nicht erst an – Bleibt die Frage, wie viele solcher Gasförderrohre heute also noch in der Altmark stehen und wie viele Eigentümer gar nichts von deren Gefahren wissen. Ist das Verbuddeln der Altlasten die Lösung? Uli Ehlers ist entschieden dagegen: „In diesem Falle wird man niemals eine saubere Altmark kriegen, wenn jeder irgendwo etwas einbuddelt. Das kann kein Entsorgungskonzept sein“, betont der Quadendambecker vor laufender Kamera.

Der ganze MDR-Film „Exakt – Die Story, Verstrahlt, Vergiftet, Vergessen“ ist über die ARD-Mediathek (ardmediathek.de/mdr/player) verfügbar. Uli Ehlers hat seinerzeit selbst knapp zehn Jahre lang bei Erdgas in der westlichen Altmark in verschiedenen Feldstationen rund um Salzwedel gearbeitet. „Der Verdienst war zwar sehr gut, aber irgendwann konnte ich das nicht mehr“, sagt er der AZ auf Anfrage.

Quecksilber-Verbindungen traten auch aus den Bohrlöchern aus und wurden in Wannen aufgefangen. „Natürlich ging auch mal was daneben“, erinnert sich Ehlers. Die ausgedienten Gas-Förderrohre wurden bei der Materialknappheit in der DDR natürlich nicht fachgerecht entsorgt, sondern als begehrtes Baumaterial auf Länge geschnitten und an Privatpersonen weitergegeben.

Wer längere Zeit mit dem Zuschnitt der Rohre zu tun hatte, setzte sich einem hohen Risiko aus. Einige Arbeiter wurden krank. Auch so genannte Gas-Sondensammler, die der Trocknung des geförderten Gases dienten, waren bei näherem Kontakt gefährlich. „Diese Sammler mit etwa 80 Zentimetern Durchmesser waren bei den Arbeitern beliebte Sitzgelegenheiten. Es gab diesbezüglich später Fälle von Hodenkrebs“ erinnert sich Uli Ehlers.

VON KAI ZUBER

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