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„Meine erste Lehrerin kam aus Kiew“

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Von: Christian Reuter

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Dr. Siegbert Klaffer (l.) beim Start in den Frühling in Winterfeld. © Kai Zuber

Dr. Siegbert Klaffer aus Winterfeld schreibt angesichts des Krieges in der Ukraine über eigene Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg:

Auch ich möchte heute berichten über Ereignisse und Begebenheiten mit russischen (sowjetischen) Soldaten und einer kriegsgefangenen Lehrerin. Anregung zu diesem Schreiben ist der brutale Ukraine-Krieg.

Im Mai 1939 wurde ich mit meinem Zwillingsbruder in einem kleinen schlesischen Dorf (1939: 180 Einwohner), 110 km von Frankfurt/Oder süd-ostwärts, geboren. Ich war 1945 sechs Jahre alt und das Erlebte ist heute noch gut abrufbar: So kommen die „Befreier“ in drei Wellen Richtung Westen/Berlin. Uns Kindern fiel ein besonderer Geruch auf: Die Soldaten waren alle alkoholisiert (Wodka). Es wurde jedes Haus in Augenschein genommen!

Öffnete ein Mann die Tür, wurde er sofort erschossen, öffnete eine Frau, wurde sie bestialisch vergewaltigt oder bei starker Gegenwehr durch Kopfschuss getötet. So etwas möchte man nicht noch einmal erleben.

Wir hatten schon eine ganze Zeit vor Kriegsende am 8. Mai 1945 eine russische (ukrainische) Kriegsgefangene, die in unserer Landwirtschaft mit helfen sollte, was sie auch mit Bravour machte und so den Familienvater, der ja Soldat werden musste, gut ersetzte.

Sie, Lena Statschenko, 25 Jahre. kam aus Kiew: sie war meine erste Lehrerin und versuchte, Klaffers Zwillingen in Zäcklau, Kreis Fraystadt, in Niederschlesien, das Schreiben, Lesen und auch Rechnen in deutsch beizubringen. Da sie selbst eine gut ausgebildete Lehrerin (auch mit dem Fach Deutsch) war und obendrein gut zeichnen konnte, hatten wir viel Freude bei ihrem Unterricht und lernten viel.

Lena wurde von unserer Mutti und Opa in die Familie gut integriert und wie unsere große Schwester behandelt, was aber sehr gefährlich war, denn Kriegsgefangene hatten separat zu wohnen und zu essen.

Nach Kriegsende war sie Dolmetscherin in der russischen Kommandantur und setzte sich für uns ein, sodass wir bis zum 18. Dezember 1946 in Schlesien bleiben konnten - inzwischen schon unter polnischer Verwaltung.

Mit wenig Handgepäck verließen die letzten 23 Einwohner unseres Dorfes an diesem Tage, am 18. Dezember 1946, ihre Heimat für immer.

Nach einer verlustreichen Bahnfahrt in Viehwaggons bei minus 20 Grad und Schnee kamen wir Anfang Januar 1947 nach Salzwedel/ Sowjetische Besatzungszone an.

Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 waren wir dann keine Vertriebenen mehr, sondern Umsiedler.

Mein ältester Bruder Eberhard (geboren 1930) wurde noch am 28. April 1945 Opfer dieses mörderischen Krieges, sodass unsere Familie ein frisches Grab hatte und dankbar war für jeden Tag vor Ort zu trauern!

Von mir kann auch bestätigt werden: die Kinderfreundlichkeit der russischen Soldaten und das Streben möglichst viele Uhren (Uhri, Uhri) zu erbeuten!

Abschließend wünsche ich der Ukraine eine schnelle Beendigung des Krieges und keine weiteren Zerstörungen und Menschenverluste.

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