Originalbrief von 1915 aus dem Ersten Weltkrieg über Trauer und Patriotismus

Bluten für den Kaiser

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Das beeindruckende Kriegergrab in Diesdorf: Allein 26 Männer aus dem Ort fielen den Kämpfen als Rekruten, Landwehrmänner, Musketiere, Unteroffiziere und Gardejäger zum Opfer.

Diesdorf. Originale Zeitdokumente gehören für Historiker zu den authentischsten Zeugnissen der Geschichte überhaupt. Eines dieser eindrucksvollen Belege ist der Brief von Heinrich Neuschulz an Karl Freitag aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Er wurde am 1.

März 1915 von Heinrich Neuschulz in Diesdorf verfasst und stammt ursprünglich aus dem Fundus der Diesdorferin Margot Hüttner.

Unteroffizier Freitag diente seinerzeit in der 2. Kompanie des zweiten Landsturm-Infanterie-Bataillons. Das ursprünglich in Magdeburg angesiedelte Bataillon war Anfang 1915 in Nordfrankreich in Stellung gebracht worden. Tragisches hatte Heinrich Neuschulz seinem Freund Karl Freitag zu berichten: So etwa, dass Otto Strauß am 1. März 1915 „beläutet“ worden ist: Bei Kämpfen im Argonnenwald soll eine Granate seinen Kopf gespalten haben, berichtet Neuschulz. „Ich habe schon oft erwähnt, wie wir beide immer die Kameraden zur Bahn begleitet haben. Und wir beide sagten, wir sehen manche wohl nicht wieder. Und so ist es auch gekommen“, schreibt der Diesdorfer. Er geht davon aus, dass die Gefechte vor Warschau und in Frankreich nicht ganz so teuflisch waren, wie an anderen berüchtigten Frontabschnitten. Aus dem Diesdorfer Kirchspiel seien bislang 16 Krieger gefallen, so Neuschulz. Er nennt Namen, wie Wilke, Faulbaum, Schenk, Strauß. Dann gratuliert der Freund zur Beförderung zum Unteroffizier.

Eines der eindrucksvollsten Belege aus der Zeit des Ersten Weltkrieges ist der Brief von Heinrich Neuschulz an Karl Freitag. Er wurde am 1. März 1915 in Diesdorf geschrieben.

Die Diesdorfer schicken in jener Zeit eifrig Frontpakete und zahlen monatlich pro Kopf eine Reichsmark. Auch das vom Schützenverein geschlachtete Schwein landete zum großen Teil als Wurst bei den Frontsoldaten. Nur einigen Handwerkern war es vergönnt, in der Heimat bleiben zu können. Doch Soldaten wurden ständig gesucht: Anfang 1915 wird unter den Geburtenjahrgängen von 1880 bis 1893 erneut nach geeigneten Rekruten gesiebt, was vor allem viele Ehefrauen und Mütter beunruhigt. Besonders berüchtigt sind die Frontabschnitte in Russland. Der älteste Sohn von Familie Kummert aus Mehmke ist dort geblieben, berichtet Heinrich Neuschulz. Und weiter: „Eiermann liegt auch immer im Schützengraben.“

Manche hatten zunächst offenbar Glück, wie Tierarzt Schmidt, der „überzählig“ war und nach einer kurzen Ausbildung in Köln wieder in die Altmark durfte. „Die das letzte Mal fortgekommen sind, sind gleich im Schützengraben umgekommen. Im Kriegerverein sind wir jetzt noch 100 Mitglieder“, schreibt der Diesdorfer an Unteroffizier Karl Freitag gegen Ende des Briefes. Die Bilanz des Krieges ist erschütternd: 26 Diesdorfer fielen den Kämpfen als Rekruten, Landwehrmänner, Musketiere, Unteroffiziere und Gardejäger zum Opfer.

Von Kai Zuber

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