Wie Salzwedel und die Region vom Aufschwung der Textilbranche profitierten

Blautuch für Preußens Truppen

Mit ihrem anschaulichen Vortrag spannte Ingelore Fischer den Bogen von der Salzwedeler Hansegeschichte zum Flachs- und Leinenbrauchtum. Im Hintergrund der prächtige Aussteuer-Schrank einer Bäuerin im heiratsfähigen Alter. Foto: Zuber

Diesdorf. Um die Wirtschaftsgeschichte der altmärkischen Leineweberei rankte sich die jüngste Veranstaltung im Diesdorfer Freilichtmuseum. Den Vortrag dazu hielt Historikerin Ingelore Fischer.

Unterstützt wurde sie dabei von Ingrid Moll, die mit geschickten Fingern zeigte, wie man einen dünnen Faden kunkelt. Zudem wurde ein Film des Heimatforschers Martin Ehlies zum Flachs- und Leinenbrauchtum in den 1930er-Jahren in Lüdelsen gezeigt.

Von der Wirtschaftsgeschichte der Leineweberei wurde dabei eine Brücke zur Salzwedeler Hansegeschichte über die ländliche Textilherstellung bis ins 18. Jahrhundert geschlagen. Zunächst ging es um den Anbau von Flachs und die mühsame Leinengewinnung mit Schwingen, Brechen, Hechseln und Spinnen. Bereits in der Steinzeit wurden Schafwolle und Flachs versponnen. Im Mittelalter kamen Spinnräder und im 18. Jahrhundert Spinnmaschinen dazu. Schon 1369 verließ fast ein Achtel aller Rollen Leinwand aus Salzwedel den Hamburger Hafen in Richtung der großen Städte an Nord- und Ostsee. Später profitierte die Textilbranche von der Einkleidung des Militärs, so etwa 1724 für das in Salzwedel stationierte Kürassier-Regiment. Und auch Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. brauchte ständig Leinen und Blautuch, um seine „lieben blauen Kinder“ in Uniformen zu hüllen, wie Ingelore Fischer berichtete.

Von Regulierungen des Landgewerbes und Steuervergünstigungen profitierten im Preußen des 18. Jahrhunderts vor allem neu angesiedelte Garn- und Leineweber. Damals gab es rund ums Spinnen auch jede Menge Aberglauben: „Drei Kreuze von dem Faden, das ein siebenjähriges Mädchen gesponnen und in ein Hemd genäht hat, schützt Bruder und Vater im Kriege gegen Hieb und Schuss“, wusste die Referentin. Neben Zollzetteln von 1779 und einem historischen Siegel einer Diesdorfer Leinenfabrik zeigte Fischer im Museum auch Webstuhl, Garnbaum und den prächtigen Aussteuer-Schrank einer Bäuerin im heiratsfähigen Alter. Dieser trägt die treffliche Inschrift: „Was Mütterlein mir einst beschert, halt ich in diesem Schranke wert.“

Die nebenbei bei der Textilproduktion anfallenden Flachsfasern dienten einst als Badekur für die Hofhühner. „Wenn sie diese im Gefieder haben, bekommen sie keine Milben“, gab Ingelore Fische den Besuchern zum Abschluss ihres Vortrages mit auf den Weg.

Von Kai Zuber

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