Behindertes Kind aus Wallstawe wird seit zehn Wochen nicht mehr in einer Kita betreut

„Das ist eine große Frechheit!“

Integrative Kita in Abbendorf
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In der Integrativen Kita in Abbendorf wurde die behinderte Tochter von Christin Lenk von Oktober bis Dezember 2020 betreut.
  • Christian Reuter
    vonChristian Reuter
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Christin Lenk aus Wallstawe ist sauer: „Dass mein Kind seit dem 1. März nicht mehr in einer Kita betreut wird, ist eine große Frechheit!“ Sie fühle sich „total im Stich gelassen“, selbst vom Jugendamt des Altmarkkreises Salzwedel, das „eigentlich zuständig“ sei.

Es geht um die zweijährige Tochter von Christin Lenk. Sie heißt Lya und hat einen seltenen Gendefekt, dessen Hauptmerkmale Muskelschwäche und starke Entwicklungsverzögerungen seien. Von Januar bis Ende September 2020 habe Lya die Kita „Rasselbande“ in Wallstawe besucht, berichtet die Mutter. Doch dann sei ihr gesagt worden, dass Lya nicht auf Dauer in der Kita bleiben könne, da dort nicht mehr so intensiv auf sie aufgepasst werden könne, wenn sie älter als drei Jahre ist.

Von Anfang Oktober bis Anfang Dezember 2020 habe ihr Kind dann die Integrative Kita in Abbendorf besucht. Der große Ärger begann Anfang März dieses Jahres, als es für Christin Lenk nach dem zweiten Lockdown wieder möglich wurde, ihr Kind in die Kita zu bringen.

„Ich sprach mit der Leiterin und bat sie um besondere Vorsicht gegenüber Lya, weil sie in letzter Zeit viel auf dem Bauch hüpft und sich dann verschluckt“, blickt Lenk zurück. Doch nur etwa eine Stunde später habe sie von der Verbandsgemeinde (VG), die für die Kita als Träger zuständig ist, einen Anruf erhalten: „Ich wurde gebeten, mein Kind wieder aus der Einrichtung abzuholen, weil es in ständiger Lebensgefahr schweben würde.“

Sie sei sehr überrascht gewesen, habe ihre Tochter aber etwa drei Stunden nach dem Bringen wieder von der Kita abgeholt. „Dann begann die Telefoniererei mit den Behörden, Ämtern und Ärzten. Woche um Woche habe ich angerufen. Woche um Woche hat sich nichts getan. Woche um Woche wurden wir vertröstet“, zeigt sich die junge Mutter verärgert.

Ihr sei gesagt worden, ihre Tochter werde in der Abbendorfer Kita nur aufgenommen, wenn es eine zusätzliche Betreuungskraft gebe, um die sich die Mutter auch noch selbst kümmern müsse. Weil eine von der VG angeforderte Erklärung fehle, müsse sie die Betreuung beim Sozialamt beantragen, und das Amt prüfe dann, ob das möglich ist. Inzwischen ist Christin Lenk sehr verzweifelt, zumal sie seit etwa vier Wochen wieder arbeite (im Homeoffice) und sich gemeinsam mit ihrem Mann (in Elternzeit) auch noch um ihre fünf Monate alte Tochter Liv zu kümmern habe. Die ersten sechs Wochen habe sie extra Urlaub nehmen müssen, um ständig für ihre Kinder da sein zu können.

„Das Jugendamt muss sich um einen Ersatz für den Kitaplatz bemühen, aber ich werde jetzt schon seit zehn Wochen vertröstet“, sagt Lenk.

Der Altmarkkreis Salzwedel nahm zu dem Fall wie folgt Stellung: „Frau Lenk wurden für die Tochter vier Betreuungsangebote unterbreitet, darunter ab sofort für die Kita Abbendorf oder auch in einer kleinen Tagesbetreuung in Salzwedel“, teilte Pressesprecherin Birgit Eurich auf AZ-Anfrage mit.

In der Kita Wallstawe sei ein Besuch derzeit aufgrund von fehlenden Kapazitäten nicht möglich. Dort könne Frau Lenk ein Platz erst wieder zum 1. Januar 2022 angeboten werden. „Aufgrund des besonderen Betreuungsbedarfes der Tochter (Mehrfachbehinderung) wurden für die Vergangenheit (in Wallstawe) bereits zusätzliche Betreuungsstunden für die Tochter bewilligt (gesetzliche Grundlage SGB XII - Eingliederungshilfe)“, erklärte Eurich.

Aktuell sei zwischen der Mutter, dem Kita-Träger, dem Jugendamt und dem Sozialamt ein Gesprächstermin vereinbart worden, „um gemeinsam die für die Entwicklung der Tochter besten Betreuungs- und Fördermöglichkeiten zu finden“. Alle Kindertagesstätten seien gemäß Paragraf 8 Kinderförderungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt verpflichtet, inklusiv zu arbeiten. „Das heißt, es sollen Kinder mit und ohne Behinderung möglichst gemeinsam aufwachsen. Dazu bedarf es jedoch bestimmter Konzepte und Platzkapazitäten“, erläuterte Eurich.

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