Rathaus Diesdorf: Archäologin Antje Lehmann sitzt am Schreibtisch neben menschlichen Knochen

Auge in Auge mit den Toten

+
Antje Lehmann, Archäologin vom Landesamt für Denkmalschutz, mit einem der gefunden Schädel. Ihre Aufgabe ist es derzeit die Knochenfunde zu katalogisieren. Ein Unterkiefer (kleines Foto) offenbart die Zähne eines jungen Mannes.

Diesdorf. Den wohl gruseligsten Arbeitsplatz der Altmark hat derzeit die Archäologin Antje Lehmann im Diesdorfer Rathaus. Rund um den großen Konferenztisch in ihrem Büro gruppieren sich fein sortierte Totenschädel und viele weitere menschliche Knochen.

„Mir macht die Arbeit im Warmen richtig Spaß“, sagt Frau vom Landesamt für Archäologie und Denkmalschutz und sieht absolut keinen Grund zu erschaudern. Die Funde sind für sie ein kleiner Schatz.

Die Überreste von fast 40 Bestatteten fand Lehmann mit ihrem Team Mitte November unter dem Straßenbelag vor dem Westportal der Klosterkirche (die AZ berichtete). Bis Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich dort ein Teilbereich des alten Dorffriedhofes.

Antje Lehmann freut sich jetzt über die Arbeit im warmen Büro. Diese erfolgt zwangsweise, da die Bauarbeiter in Diesdorf in die Weihnachtspause gehen. Erst im kommenden Jahr wird weiter gegraben. Lehmann erhofft sich weitere Funde in Richtung des alten Amtsplatzes und der angrenzenden alten Darre. All dies musste früher für die Straße weichen. Mit Mund- und Haarschutz sowie Handschuhen hat die Archäologin an den vergangenen Tagen Knochenteile separiert und auch Zähne aus gefundenen Kieferknochen entfernt. „Wir müssen unter so sterilen Bedingungen vorgehen, um die Proben nicht mit unserem eigenen DNA-Material zu verunreinigen.“ Die Teile wurden dann zur Einlagerung für eventuelle spätere Untersuchungen in den Stützpunkt des Landesamtes nach Heyruthsberge bei Magdeburg geschickt.

Derzeit liegen die großen Probenstücke offen in dem Büroraum im Rathaus. Wie eine Sisyphusarbeit muss Lehmann alle Fundstücke in einer Online-Datenbank katalogisieren. Gut erkennbar sind bei einigen Schädeln noch die Zähne, die Gesichtspartien sind häufig eingefallen. Viel weiter gereinigt werden die Knochen zunächst nicht. „Erstmal müssen sie gut trocknen“, erklärt Antje Lehmann und ergänzt das eine Reinigung mit Bürsten eher etwas zerstört, als weitere Erkenntnisse zu bringen.

Neben den menschlichen Knochen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert liegen übrigens auch zahlreiche Funde aus der damaligen Lebenswelt. Scherben, Holzbohlen und ähnliches müssen ebenfalls genau beschrieben werden für die Datenbank.

Von David Schröder

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare