Die Memoiren von Hitlers Adjutant Friedrich Darges (†) aus Dülseberg

Dem Attentat entkommen

Fritz Darges (links) bei einem seiner Besuche im einstigen Geburtshaus in Dülseberg. Fotos: Zuber

Dülseberg. Eine drückende Hitze lastete auf dem Land, damals am 19. Juli 1944. Es geschah also dieser Tage genau vor 69 Jahren: Der Altmärker Friedrich Darges, ein gebürtiger Dülseberger, war der vorletzte Adjutant von Adolf Hitler.

Der SS-Obersturmbannführer hatte sich von ganz unten hochgearbeitet und gehörte nun zum engsten Kreis des Führers.

Was dann passierte, beschrieb die „Bild-Zeitung“ als „Treppenwitz der Geschichte“: Der Diktator hielt sich damals in der „Wolfsschanze“ auf. Die Lagebesprechung im Führer-Hauptquartier unweit der Ostfront stand an und es sah gar nicht gut aus an den deutschen Fronten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Nerven aller Beteiligten lagen blank. Dicke Brummer flogen durch den Raum, in dem Hitler mit den Generälen am Kartentisch stand.

Die Backstein-Molkerei: In der oberen Etage des Hauses erblickte Hitlers persönlicher Adjutant 1913 das Licht der Welt.

Wie sich Darges noch kurz vor seinem Tod erinnert, sollte er die lästigen Fliegen auf einen Wink des Diktators vertreiben, doch dieser Befehl entging ihm durch Unaufmerksamkeit. Daraufhin, so der Altmärker später in seinen Memoiren, bekam Hitler einen seiner gefürchteten Tobsuchtsanfälle. Fazit: Darges bekam genau einen Tag vor dem Stauffenberg-Attentat seinen Marschbefehl an die Front. Er hatte sich auf Weisung Hitlers bei seinem Regiment zu melden. Als dann am Folgetag im Führer-Hauptquartier die Stauffenberg-Bombe hochging, saß Friedrich Darges bereits in Berlin im Kino. Sein Adjutanten-Stellvertreter kam bei der Explosion ums Leben. Darges indes überlebte den Krieg und wurde 96 Jahre alt. Er starb am 25. Oktober 2009 in Celle. Kaum jemand weiß, dass er im heutigen Schadeberg bei Diesdorf geboren wurde. In einem kleinen Raum im Obergeschoss der alten Dampfmolkerei von Schadeberg, das damals noch zu Dülseberg gehörte, fing alles an. Dort erblickte Friedrich Darges am 8. Februar 1913 als Sohn des Molkereimeisters das Licht der Welt. 90 Jahre später stand Friedrich Darges abermals an der Türschwelle seines Elternhauses. Uwe Schäfer, der Darges’ Geburtshaus 1993 kaufte und sanierte, ahnte anfangs nicht, wer ihnen da gegenüber stand.

Denn: Fritz, wie er immer gerufen wurde, Darges war im Dritten Reich ein „hohes Tier“. Er hat sich hochgedient und wurde im März 1943 Hitlers Adjutant. Zuvor war er Privatsekretär, Leibwächter und Mann für alle Fälle bei der „Nummer zwei“, NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann und persönlicher Begleiter von Hitlers Geliebter Eva Braun. Deren Schwester Gretel hatte sogar ein Auge auf den schneidigen SS-Offizier geworfen. Darges distanzierte sich. Womöglich fiel er auch deshalb bei Eva Braun und Hitler in Ungnade, vermuten Historiker.

Erst nach Darges’ Tod überschlugen sich die Nachrichten darüber, was er den meisten Menschen verschwiegen hatte. Denn Darges war nach seiner 1930 in Hermannsburg absolvierten Mittleren Reife und der anschließenden Ausbildung zum Exportkaufmann in Hamburg im April 1933 der SS beigetreten. Eine steile Karriere führte ihn ab 1936 in den engsten Machtbereich des NS-Staates und gipfelte dienstgradmäßig darin, dass er Ende Januar 1944 zum SS-Obersturmbannführer (Oberstleutnant) ernannt wurde. Nachdem er als Kommandeur das SS-Panzerregiment „Wiking“ bei Budapest führte, wurde ihm sogar das Ritterkreuz verliehen.

Nach Darges Tod gingen historische Bilder um die Welt. So etwa bei „Bild“: Fritz Darges auf der Terrasse von Hitlers Wohnsitz auf dem Obersalzberg in der Pose des gehorsamen Befehlsempfängers: Gegenüber dem Diktator die Hände an der Hosennaht. Der „Stern“ setzte sich daraufhin kritisch mit Darges’ zweiter Karriere im westlichen Nachkriegsdeutschland auseinander. Dort war der einst hochrangige SS-Offizier nach dreijähriger amerikanischer Kriegsgefangenschaft in einem Autohaus und später als Kreisgeschäftsführer des DRK Celle tätig - von Reue keine Spur.

Fritz Darges besuchte sein imposantes Schadeberger Geburtshaus aus Backstein zwei Mal: anlässlich seines 90. Geburtstages und etwa drei Jahre später erneut. In der Diesdorfer Gaststätte „Am Markt“ feierte der Senior 1993 seinen 80. Geburtstag in Familie.

Der altmärkische Stammbaum der Familie Darges ist uralt. Sie stammte ursprünglich aus der Gegend um Lüdelsen und Neuenstall. Dorthin kamen die Vorfahren vermutlich in der Zeit um 1750 als Kolonisten von Friedrich II. Bei den Besuchen in den Räumen seiner Jugend schwärmte Fritz Darges von dem Geschick des neuen Hausherren, den Geist der alten Schadeberger Dampfmolkerei weiterleben zu lassen. Stets besuchte er auch die Gräber seiner alten Freunde.

Darges verbrachte seine gesamte Kindheit in der Region des Hansjochenwinkels. In Dähre wurde er getauft, in Dülseberg besuchte er die Volksschule und in Diesdorf wurde er konfirmiert. Hitlers letzter Adjutant wird auch weiterhin im Gespräch bleiben. Denn: Darges’ Memoiren enthalten noch einigen Zündstoff.

Von Kai Zuber

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