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Rätselhafte Erkundungsflüge

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Von: Kai Zuber

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Luftbild einer ländlich gelegenen Gemeinde mit großen Waldflächen und Windrädern am Horizont.
Beetzendorf aus der Vogelperspektive: Dort kreiste eine von Hildesheim aus gestartete Spezial-Maschine über dem Gemeindegebiet. © Kai Zuber

Mit einer Spezial-Maschine flog Anfang Dezember ein geologisches Erkundungsteam zahlreiche Schleifen über der Verbandsgemeinde Beetzendorf-Diesdorf. Diese Erkundung wurde über Screenshots der Webseite flightradar24.com vom 9. Dezember 2022 gegen 10 Uhr öffentlich dokumentiert, wie die AZ recherchierte.

Eine Landkarte mit farbig eingezeichneten Flugrouten eines speziellen Mess-Flugzeugs.
Die genaue Flugbahn der Erkundungsflüge über dem Raum Beetzendorf-Diesdorf. Ein Flugzeug mit Spezialequipment checkte hier offenbar die Geothermie-Tauglichkeit des Untergrundes. © Screenshot: Kai Zuber

Beetzendorf/Diesdorf – Das Flugzeug, eine alte, umgebaute Maschine vom Typ Douglas DC 3, ist von Hildesheim gekommen und nach etwa anderthalb Stunden dorthin zurückgeflogen, wie auch viele aufmerksame Beobachter registrierten. Auf dem letzten Screenshot ist auch die Firma zu sehen, die den Auftrag für die geologische Erkundung zwischen Langenapel und Ristedt sowie zwischen Siedenlangenbeck und Diesdorf hatte. Zudem ergeben sich daraus weitere Informationen. So zum Beispiel, dass das spezielle C-FTGI-Erkundungsflugzeug „Bell Geospace“ in Kanada registriert und für ein Schweizer Unternehmen tätig ist. Die Flughöhe war wegen der besseren Auflösung der elektronischen Bild- und Messtechnik mit nur 570 Metern besonders niedrig im Vergleich zu normalen Flügen. Üblich sind bei solchen Flügen auch Höhen zwischen 80 und 300 Metern. Die durchschnittliche Geschwindigkeit der Douglas DC 3 wurde mit 248 Kilometer pro Stunde angegeben. Wie die AZ weiter recherchierte, erkundet die Crew des Flugzeuges Gebiete auf ihr Potenzial für Geothermie-Nutzung. Vom Flugplatz Hildesheim aus sollten insgesamt 15 Messflüge starten, berichtete Ende Dezember auch der NDR in Niedersachsen. Ein schweizer Unternehmen erkundet seit Ende November Gebiete in ganz Norddeutschland auf ihr Potenzial für Geothermie-Nutzung. Unter der Überschrift „Flugzeug mit Spezialequipment checkt Geothermie-Tauglichkeit“, berichtete der Norddeutsche Rundfunk am 25. Dezember: „Die Testflüge können nur stattfinden, wenn es nicht stürmt oder zu bewölkt ist. Deshalb müssen Tage mit passendem Wetter genutzt werden, hieß es. Mit geophysikalischen Methoden werden Daten gesammelt und eine Karte erstellt.“ Geothermie nutze die natürliche Wärme im Untergrund, die mit Bohrungen und Wasser als Medium nutzbar gemacht werden kann. „So will das Unternehmen herausfinden, wo mit Erdwärme Energie gewonnen werden kann. Dafür wurde zuvor exakt ein Fluggebiet festgelegt und dann systematisch abgeflogen“, heißt es in dem Bericht weiter.

Hintergrund der modernen FTG-Messung via Flugzeug: „Im Gegensatz zu älteren Messmethoden besitzen die neueren aerogeophysikalischen Messsysteme ein genaues räumliches Auflösungsvermögen von strukturellen Gesteinsdichteverteilungen in den oberen Tagen der Erdkruste, zum Beispiel im Bereich von Salzstöcken“, erklärt Gerd Wolf, Diplom-Geophysiker aus Klingenthal auf AZ-Nachfrage. Er kennt sich zu diesem Thema besonders in der westlichen Altmark hervorragend aus. In einem so genannten Tensor werden physikalische Größen mathematisch unter Ortszuweisung eingefangen. Die später entschlüsselten Messdaten werden später sichtbar gemacht und geben Aufschluss über mögliche Gravitationsanomalien wie einen Salzstock. Nach den Erkundungsflügen in der Altmark gab es zunächst Spekulationen über eventuelle Messungen zu weiteren, tiefer liegenden Erdgas-Feldern, einer möglichen Suche nach einem geeigneten Atommüll-Endlager oder auch weiteren Forschungen hinsichtlich der aktuell wieder öffentlich diskutierten unterirdischen CO2-Verpressung. „Mit den oben genannten Messungen zur Geothermie-Tauglichkeit ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild. Für Gerd Wolf wäre es interessant zu erfahren, wer die Messflüge offiziell in Auftrag gab. Der Diplom-Geophysiker versprach daher, an dem Thema dran zu bleiben.

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