Schernikau meistert ersten Neujahrsempfang mit Offenheit und sympathischem Versprecher

„Sieben dunkle Jahre überstehen“

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Voller Saal mit Stuck und Lüster im einstigen Rittergut des Goldbecker Ortsteils Bertkow: Der Gastgeber hat beim Neujahrsempfang der Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck „111 Anmeldungen“ gezählt.

Bertkow/Arneburg-Goldbeck. Dem Defilee an der Eingangstür zum Kleinen Saal 1.1 mit Stuck und Lüster folgt Mittwochabend eine fast feudale Feier: 

Für seinen ersten eigenen Neujahrsempfang lässt Arneburg-Goldbecks oberster Bürgermeister die Kult-Fleischbrötchen aus der Grillküche eines erfolgreichen Stendaler Existenzgründers kredenzen. Burger beim Bürgerempfang, das kommt an, weiß auch René Schernikau. 

Und während der Heimatchor Arneburg für den Familienvater aus Möllendorf im Schloss zu Bertkow „Wenn der Weg so weit nicht wär“ und „Möge Gott seine schützende Hand über dir halten“ singt, schimpft zur selben Zeit in der 25 Kilometer entfernten Kreisstadt CDU-Landtagsmitglied Chris Schulenburg beim politischen Aschermittwoch im „Schwarzen Adler“ über die immer noch währende „Ehrenmitgliedschaft“ des parteilosen Ex-Piraten in dessen Ex-Partei.

„Unsere Handlungen und Entscheidungen beeinflussen das Leben von 9031 Menschen, geben wir 2018 unser Bestes für sie“, hebt René Schernikau nach seiner ersten Neujahrsempfangsrede das Glas.

Derartige Misstöne kommen nicht auf im Backsteingemäuer, das einst ein Rittergut-Domizil war, weil sich der Gastgeber sichtlich über „111 Anmeldungen“ freut, die ihn „doch sehr überrascht“ hätten. Er habe mit 60 Gästen gerechnet, sagt er der AZ. Dass die Oberhäupter der finanzstarken Mitgliedsgemeinden Arneburg und Eichstedt fehlen und eine Reihe verantwortlicher Verwaltungsmitarbeiter mit Abwesenheit glänzt, wird von Beobachtern zwar registriert, aber vom Gastgeber ignoriert.

Die Kronleuchter illuminieren Bertkows Mittwochabend.

Und als der Chor aus dem Verantwortungsgebiet von Lothar Riedinger (CDU) von „sieben dunkle Jahre überstehen“ singt, wittert der Nachfolger des Hohenberg-Krusemarker CDU-Urgesteins Eike Trumpf versteckte Botschaften, die da melodisch rübergebracht werden könnten. Er habe jedoch „keine Rechte an der Auswahl der Lieder“ gehabt, versichert der Hauptakteur des Abends, während sein Publikum an Sekt und Saft nippt, den Sekretariatsverantwortliche Annelie Fricke, Kämmerin Dana Hoedt und Brachflächenmanagement-Zuständige Victoria Mintzlaff angereicht haben. Die Liedauswahl habe das krankheitsbedingt stimmlich geschwächt auftretende Ensemble jedenfalls selbstständig entschieden, versichert Chorchef Gero Wiest der AZ.

Und so nimmt ein Abend der Zufälle seinen Gang an einem Datum, das mit Valentinstag und Aschermittwoch „zwei gegensätzliche Anlässe“ spannend zusammenkommen ließ, wie Schernikau ausführt. Dies sei aber Gelegenheit, das Ereignis als „Vorsatz“ zu nehmen, findet er. „Lassen Sie uns versuchen, die politischen Gegensätze vielleicht mit etwas Liebe und zum Wohle der Menschen, wenn nicht zu überwinden, dann doch zu mildern“, ruft er in den schweigenden Saal.

Die Rede vorzubereiten sei nicht leicht gewesen, gibt sich der Verwaltungschef im zweiten Dienstjahr dann offen, um erstmals Zwischenapplaus auszulösen, als er auf das Thema Feuerwehren zu sprechen kommt. Ihm sei bewusst, dass der „Frust“ hoch sei, bedankt er sich ausdrücklich bei den Lebenspartnern der insgesamt 421 Kräfte in 29 Truppen. Den zweiten Szenenapplaus ernten schließlich die Mitarbeiter Schernikaus, die in der Verwaltung, in den Kindertagesstätten und Schulen sowie als Hausmeister und Reinigungskräfte tätig sind. Und ganz zum Schluss liefert der frühere Mitarbeiter der Investitionsbank Magdeburg einen sympathischen Versprecher, als er ein Sprichwort zitieren will, das auf die relative Bedeutungslosigkeit von Geld abzielt. „Die wichtigsten Dinge lassen sich mit Geld kaufen“, verhaspelt er sich, worauf das Publikum lacht, aber der Gastgeber doch einen Treffer landet – denn ausgelacht wurde er nicht.

Von Antje Mahrhold

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