Bei Rüdiger Haase in Werben machen Elberadweg-Touristen Station / Besucher bringen Ausgedientes mit

Privates Rundfunk-Museum lockt auch mit Einblicken in „finsterste Zeiten“

Zeitzeuge der Nazi-Propaganda: Der „Volksempfänger“ ist als „Goebbelsschnauze“ bekannt.

Werben. Der Start in den Mai stand in der kleinsten Hansestadt der Welt in Verbindung mit dem ersten Tag der offenen Museumstür eines interessanten Mannes.

Er ist ein begeisterter Sammler, ein begabter Erzähler echter Geschichte und ein Vorführer gut erhaltener Funk- und Fernsehtechnik.

Mit dem Wonnemonat ist Rüdiger Haase in seine zweite Saison als Museumsdirektor an der Elbe gestartet. Im Beruf, als Rundfunktechniker, hatte er allerhand Technik gesammelt. Seine Leidenschaft für Phonographen, Röhrenfernseher und Tonbandgeräte teilt der 72-Jährige nun als Rentner mit allen, die ihn täglich in der Saison besuchen mögen. Haase nimmt keinen Eintritt, er freut sich über Raritäten, über technische Plaudereien und bietet gegen eine Spende Postkarten aus dem einzigartigen Radiomuseum in Werben an.

Das Haus fällt an der Räbelschen Straße sofort ins Auge. Das liegt zum einen an den vielen Schildern. Sie weisen darauf hin, dass hier einst Brillen des VEB Rathenower Optische Werke produziert wurden. Zum anderen hören Besucher schon im Eingangsbereich, dass es hier ein Rundfunk-Museum gibt. Radioklänge eines öffentlich-rechtlichen Regionalsenders sind zu hören. Allerdings: Das Gerät im Eingang passe nicht ganz in die Sammlung, sagt der Direktor des Privatmuseums. Es sei recht neu und empfange digitale Signale.

Kein Flachbildschirm: Die Regale sind mit Röhrenapparaten aus DDR-Produktion gut gefüllt.

Das ist am Ende des Gangs ganz anders: Im Ausstellungsraum voller historischer Technik wird noch so lange es die Funkwellen gibt, mit diesem Gerät empfangen. „Das ist eine alte Staßfurter Fernsehtruhe. In den 60er Jahren wurde sie gebaut. Die gab’s auf dem Land auch, weil diese Truhen waren fast sofort zu haben, während auf einen Fernseher bald so lange wie etwa auf ein Auto gewartet werden musste. Zwei, drei Jahre musste man das im Laden vorher anmelden. Dann kriegte man einen Fernseher. Und die „reichen“ – in Anführungsstrichen – Bauern hier in der Wische, die hatten alle eine Fernsehtruhe, denn die Fernsehtruhe konnten sie fast gleich mitnehmen“, berichtet Haase. 6000 DDR-Mark hatte das Objekt der Begierde mit integriertem Radio gekostet.

Der drahtige 72-Jährige, der nicht nur zu diesem Möbelstück mit integriertem Empfangsgerät Geschichten erzählen kann, ist vom Fach. Der gelernte Rundfunktechniker stellt sogar sein Gesellenstück aus. Das ist natürlich ein Radio.

Es gab Zeiten, als Postkarten verschickt wurden, die Urlaubsklänge aus der Welt der Berge spielen.

Aber auch die folgende Kuriosität gehört bei Haase dazu, sie stamme „aus finstersten Ostzeiten“. „Das gab es früher mal, wenn die Leute verreist sind, was ja nur im Ostblock ging. Dann fuhren die Leute nach Thüringen. Und da hat Herbert Roth dann das Rennsteiglied auf einer Postkarte gehabt. Das konnte man im Urlaubsort erwarten und auch als Postkarte verschicken. Und dann ging das Theater los“, erzählt Rüdiger Haase. Denn „Bitte nicht knicken“ steht auf dem Umschlag der akustischen Postkarte. Wie das klingt? Das hörte zum Saisonstart beispielsweise das Ehepaar Neumann aus Uenglingen, was Erinnerungen geweckt hat. „Das haben wir auch erlebt“, meinten die beiden, die daheim eine Platte von Roth sogar mit Autogramm liegen haben. „Dann können wir die ja nicht wegschmeißen, die Platte. Dann bringen wir die mit, mit der Unterschrift.“ Genau so etwas müsse man aufheben, mahnt der leidenschaftliche Sammler, der auch Petroleumleuchten in anderen Räumen der einstigen „Alten Brille“ hegt. „Na, dann wissen wir: Im Museum ist es gut aufgehoben“, freuen sich die Besucher.

Der Saisonauftakt passt genau in die Zeit, in der Radtouristen wieder in die Pedale treten. So kommen täglich Besucher. Bei größeren Gruppen freut sich Haase über Anmeldung unter Tel. (03 93 93) 4 48. Dann komme man ins Gespräch, manche bringen die Technik gleich mit. So kam er zu einem Tonbandgerät aus einem Berliner Radiostudio, zu einem Volksempfänger, zu einem Stasi-Rekorder und vielen anderen historischen Zeitzeugen. Der Besuch lohnt allemal: zum Schauen, zum in Erinnerungen schwelgen und zum Fachsimpeln.

Von Alexander Klos

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